Samstag, 16. September 2017

Gutes aus der Eifel



Dolomitfreuden in Gerolstein


© Climbingstories


Eifler Gebietsindex


Das allgemeine Klettertreiben in den Eifler Gebieten folgt glücklicherweise leicht zu interpretierenden Trends. Vergleichen wir einmal die handvoll Möglichkeiten in der Eifel zu Klettern mit Aktien. Befindet sich die Trendkurve des einen Gebietes auf steilem Kurs nach oben, ist eine unaufhaltsame Talfahrt einiger Anderer vorprogrammiert. Einige Traditionsgebiete werden dann von „Langzeitanlegern“ frequentiert. „Do simmer immer schon jeklettert“ lautet das Motto einiger Dinosaurier der Szene. Die Trendbewegungen vollziehen sich in der Regel sehr langsam, meist über Jahre. Ebbt der Zustrom in einem bestimmten Gebiet erst einmal ab, kann auf einen erneuten Boom sehr lange gewartet werden.

Felssozialisation extrem

Diese Durchschaubarkeit kann sich jeder Kletterer seinen Vorlieben entsprechend zu Nutze machen. So kann nun derjenige, dem „Socializing“ oder „Sehen und gesehen werden“ wie es einst hieß, am Herzen liegt, sich Wochenende für Wochenende in den angesagten Szenegebieten verlustieren und den bekannten Gesichtern aus der Halle demonstrieren, dass man auch „Outdoor“ ist. Dieses Freizeitvergnügen setzt allerdings eine gewisse Stressresistenz voraus und avanciert somit zur besonderen Ausprägung einer Extremsportart.
Die prüfenden Blicke der Wohlgesonnenheit vorgaukelnden Kontrahenten im Rücken wissend wird der Onsight gleich erheblich schwerer, wenn er nicht eh durch spontane „Du musst in den Untergriff kreuzen!“- Zurufe zu Nichte gemacht wurde. Hat man es doch mal geschafft in einem Anflug von Kletterflow-Erlebnis die Welt um sich herum zu vergessen, wird man meist jäh durch ein „Come on Toni, geht schoa!“ oder „Schiggeding“ (je nach Angesagtheit der aktuellen Klettermovies) ins Hier und Jetzt zurück geholt.

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Das Projektieren von Routen gestaltet sich noch beschwerlicher. Denn abgesehen von Wartezeiten zwischen den einzelnen Versuchen, welche die Muskulatur auch bei 30°C im Schatten wieder erkalten lässt, wird man von Mitstreitern regelrecht auf Linie gebracht. Man hat noch nicht begonnen die Krux auszubouldern, da wird einem schon die einzig kletterbare Lösung nahe gebracht, so dass auch kein Zweifel bleibt, dass ein Probieren von möglichen Alternativen nicht nur als unhöflich sondern geradezu dreist empfunden würde. Immerhin dient das eigene Scheitern an der aufgezwungenen Zugabfolge dem guten Zweck das Ego des Ansagers ein wenig zu stabilisieren und aufzupolieren.

Apropos scheitern: Was das Szenegebiet noch als extrem auszeichnet ist die Tatsache, dass man sich nicht nur mit dem eigenen Erfolg oder Scheitern auseinander setzen muss. Man darf stets am emotionalen Zustand der anderen Vertikalsportler Teil haben. Geteiltes Leid ist halbes Leid und geteiltes Glück ist doppeltes Glück, so scheint das Motto zu sein. So ist es dann auch Usus alle Anwesenden mit regelmäßigem und lautstarkem Statusreport auf dem Laufenden zu halten. Ein lautes „Fuck!“ unterstreicht ausdruckstark die Verärgerung oder Verwunderung über das Scheitern in der Route, die man doch eigentlich locker beherrschen würde. Anschließend kann es nützlich sein einen detaillierten Bericht über die schlechten Bedingungen bis in den letzten Winkel des Gebietes dringen zu lassen. Ein lautstarkes „Yes!“ hingegen hebt den eigenen Erfolg in einem langen Projekt heraus und sorgt für ausreichend Anerkennung und Gratulation.

Solche Rituale in vollen angesagten Gebieten gäbe es noch zu Hauf zu schildern. Und auch ich kann mich nicht frei davon sprechen diese mit zu zelebrieren.

Die Kunst des antizyklischen Kletterns

Gerade dies ist der Grund, warum ich wieder mehr die Abgeschiedenheit und Ruhe am Felsen suche. „Antizyklische Gebietswahl“ nenne ich den Schlüssel zum Erfolg bei der Suche nach einsamen und ruhigen Tagen am  Fels, wo die Natur noch als eben solche wahrgenommen werden kann, weil es nicht zu geht wie am Swimming-Pool vom Hotel „Gran Paradiso“. So wie einige Gebiete der Eifel im Fokus der Klettermassen stehen, haben andere an Popularität verloren. Hierzu gehören derzeit auch die Gerolsteiner Dolomiten. Findet man unter der Woche Zeit dort zu klettern, werden einige wenige Wanderer, die erstaunt und beeindruckt kurz verweilen, die einzigen Menschen sein, die einem am Wandfuß begegnen.

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An Wochenenden muss man sich den Felsriegel schon mit einigen weiteren Seilschaften teilen. Es herrscht in der Regel eine lockere Atmosphäre. Nette Gespräche entstehen. Unabhängig von Schwierigkeit und disziplinärer Ausrichtung versteht man sich. Die einen kommen um Sportkletterrouten bis  zum unteren 10.Schwierigkeitsgrad zu klettern, während andere in alpinem Ambiente für ebensolche Unternehmungen Erfahrungen sammeln wollen.
Meint man nun, dass die Felsen von Gerolstein weniger zu bieten haben als ihre angesagten Konkurrenten, so liegt man meines Erachtens gänzlich falsch. Für mich ist die Hustley, so der Name des Massivs, ein zwar nicht sehr großes Gebiet, welches jedoch kaum Wünsche offen lässt. Hat man in der Touristeninformation Gerolstein oder an Wochenenden im Eiscafé „Dolomiti“ erst einmal sein Kletterticket für fünf Euro erworben, trennen einen nunmehr lediglich 10 Minuten Zustieg von den ersten Touren.

Hoch über Gerolstein in eifler Idyll liegt der Felsriegel mit provencialischem Flair. Die südseitige Exposition und die Wärme reflektierende Eigenschaft des Fels macht Klettern an sonnigen Tagen beinahe ganzjährig möglich. Es sind eher die Sommermonate an denen Klettern ob der geringen Fluchtmöglichkeiten vor der Hitze dem Besucher etwas Anpassungsfähigkeit abverlangt. Ab frühem Nachmittag kann man dann dem wandernden Schatten nach klettern.

Bis zu 30m lange Routen vom  2.-10. Schwierigkeitsgrad bieten sowohl dem Freund solide mit Bohrhaken abgesicherter Routen als auch Anhängern „preußischen Gedankenguts“ á la: „Bergtouren, die man unternimmt, soll man nicht gewachsen, sondern überlegen sein.“ Hier kann dann auch gerne  einmal der ein oder andere Keil oder Friend zum Einsatz kommen, wenn man dem alten, wackeligen Normalhaken noch nicht einmal mehr einen psychologischen Nutzen zuschreiben mag.

Eine besondere Freundschaft

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Die Kletterei findet vorwiegend an leicht geneigtem bis leicht überhängendem Dolomitgestein statt. Leisten und Löcher dominieren das bei Zeiten etwas versteckte Griffangebot. Leichtere Routen zeichnen sich oft durch dolomittypisch starke Strukturierung aus, wodurch auch senkrechtes Gelände mit gangbaren Vierern und Fünfern aufwartet. So zum Beispiel zieht sich der „Sonntagsweg“ (5) immer  den offensichtlichsten Strukturen folgend  25  Meter durchs Gemäuer und ist mit dem Begriff Felsfahrt sicherlich am treffendsten beschrieben.

Insbesondere in den oberen Graden formen sich häufig Untergriffe, Leisten und Fingerlöcher zu Kruxen, die so durchdacht erscheinen, dass man gar nicht glauben mag, dass die Natur sie so für uns gefertigt hat. Hierfür ein gutes Beispiel ist die „Freundschaft“(9), der Extremklassiker in Gerolstein. Eine schönere Linie in dem Grad kenne ich in der Eifel nicht. Breiter gefächert können die Fähigkeiten nicht sein, die potenzielle Aspiranten für diese Route im Gepäck haben müssen. Nach leichtem Gekraxel auf einen 5 Meter hohen Vorbau folgt man bei leicht überhängendem Gelände einer Henkelreihe senkrecht empor. Eine Querung an Fingerlöchern und Leisten auf, wie immer in Gerolstein, mäßig schlechten Tritten bringt einen zur ersten Krux. Die Statiker werden sich nun gezwungen sehen eine schlechte Leiste bis zum Bauchnabel zu fixieren. Die Meisten entscheiden sich jedoch für einen beherzten Dynamo an einen guten Aufleger. Alsbald folgen ein anderthalb Meter ausladendes Dach, an welchem der Hinweis „Bitte nicht hinauslehnen“ in Form eines der DB entwendeten und in einen kleinen Riß genagelten Schildchens vor die Wahl stellt sich ins Seil zu setzen oder die „Warnung“ augenzwinkernd zu ignorieren und die darauf folgende eigentliche Krux anzugehen. Nicht zuviel sei verraten, denn ein bisschen will ja noch selbst herausgefunden werden, aber wer diese Stelle bezwungen hat, sollte die Arme vor dem vermeintlich leichteren Gelände noch mal gut ausschütteln. Schon allzu viele Aspiranten wurden auf den letzten Metern noch um ihren Durchstieg gebracht und von der Freundschaft jäh abgeschüttelt.
Ausdauer, Fingerkraft und Präzision kann man nicht genügend mitbringen um einen Versuch in dieser Tour zu wagen.

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Auch ausgesprochen nett
Aber auch Routen in niedrigeren Graden bieten traumhafte Linien. So zum Beispiel das Risssystem vom „Radweg“ (5+/6-) oder eine wunderschöne 7- links der Hummelkante. Trotzdem diese Touren schon zu meinen Standards an einem Klettertag in Gerolstein gehören, entlocken sie mir beim clippen des Umlenkers immer wieder ein leises „Wow“.

Nach einem Topo in gebundenem Format suchte man früher erfolglos. Es war Gang und Gäbe Routeninfos mündlich auszutauschen. Was man wusste wurde weitererzählt,  was nicht, wurde erfragt. Und der Rest wurde probiert und diskutiert. Schwierigkeitsgrade unterlagen somit auch größeren Schwankungen. Ihnen wurde daher eine wesentlich geringere Bedeutung beigemessen. Die vermutetet Bewertung war lediglich ein Indikator dafür, ob man in eine Route einstieg oder es ehrfürchtig sein ließ.

Vielleicht hat eben dies auch dazu beigetragen, dass Gerolstein an Popularität eingebüßt hat. Denn auch im Klettersport spielen Leistung, Vergleich und eben Grade eine wichtige Rolle.
Bei entsprechender Recherche im Internet stößt man inzwischen auf einen liebevoll gepflegten, handgezeichneten, von privater Hand erstellten Topo. Auch dieser verspricht keine Vollständigkeit aber dient mit Sicherheit einer groben Orientierung für Gebietsneulinge. Und nicht der zuletzt erschienene Topo „Das beste im Westen“ gibt einen Überblick darüber, was man in Gerolstein klettern kann.
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Perfekte Versorgung

Zu guter Letzt sei erwähnt, dass wohl kein anderes eifler Klettergebiet eine so erstklassige medizinische Erstversorgung bietet. Das Gerolsteiner Krankenhaus befindet sich gerademal einen Dolomitsteinwurf entfernt der Hustley. Es sei jedoch zu hoffen, dass man sich lediglich des Vorteils bedient, an heißen Tagen kalte Erfrischungsgetränke am Krankenhauskiosk erwerben zu können.





Sonntag, 12. Juli 2015

Belgian Chocolate

Nur vom Feinsten in Freyr- Klettern, Pommes und Bier

„Belgien ist grau, meistens regnet es aber es gibt unglaublich leckere Pommes.“ So lautete einst mein vorgefertigtes Bild von unserem kleinen Nachbarland, welches ich lediglich von der Durchreise zumeist nach Fontainebleau kannte. 

Kann auch schön sein in Belgien!




Bis auf die leckeren Pommes musste ich meine Meinung nach meinem ersten Besuch des Klettergebietes Freyr komplett ändern. Abgesehen von den Felsen war nichts grau. Weder das malerische Städtchen Dinant direkt am Maasufer gelegen noch der herrlich grüne Wald, der sich die Hänge zum Flusstal hinunter zieht. Statt Regen gab es einen herrlich blauen Himmel, der kein Wölkchen duldete.  Stellte sich nur noch die Frage, was denn die Kletterei zu bieten hat. 

Al´Legne ein Alpinklassiker - nicht nur für Mutige
Freiwillig war ich zugegebener-
maßen nicht hier. Ich wäre doch viel lieber ins schöne Luxemburg gefahren. „Da weiß ich,  was ich habe“ waren meine Gedanken. „Und dort sind ja eh noch so viele Projekte zu klettern. Mehrere Seillängen klettern, das muss nicht sein?  Es geht doch um Schwierigkeitsgrade nicht um Länge!   Und die sollen doch in Belgien eher stramm sein! Und die Absicherung eher nicht so toll.“ Tatsächlich warnt schon der Topo von Marc Bott frei nach Asterix: „Ceasar hat gesagt, die Belgier sind die Mutigsten!“

Ob meine Einstellung oder Belgien für das kommende Desaster verantwortlich war weiß ich nicht, aber was dieser Klettertag dann bringen sollte, übertraf meine schlimmsten Befürchtungen. Schon die vermeintliche Aufwärmeroute zitterte ich auf für eine Kalkplatte unerwartet schlechten Tritten und flutschigen Griffen empor, während ich gedanklich vom „Schwerklettern“ Abschied nahm.   Ganz im Gegenteil wollte ich den Grad der nächsten Route noch mal nach unten korrigieren und machte mich an einer 5c Rissschuppe zu schaffen. Beim zweiten Haken, der nicht gerade niedrig steckte, war ich physisch und psychisch völlig erledigt, keuchte und kämpfte, dachte bei mir „Ein Königreich für einen Keil“, schmierte weiter auf nicht existenten Tritten herum um mir schließlich ein resignierendes „Mach zu!“ abzuringen und diesen Klettertag wieder am Boden angekommen grummelnd zu beenden. Den restlichen Tag „genoss“ ich den grünen Wald, den blauen Himmel die Maas und Pommes, welche mit einem tröstenden Hoegaarden-Bier runtergespült wurden.  

„Freyr, niemals wieder!“ war mein Fazit dieses desaströsen Tages. Und folgerichtig ließ der nächste Besuch lange auf sich warten. Warum ich diesem Gebiet eine zweite Chance einräumte weiß ich gar nicht mehr. Wahrscheinlich, weil ich Luxemburg inzwischen doch zu oft besucht hatte und sich die ehemaligen Projekte zu Ex-Projekten oder zu „Werd-ich-niemals-klettern-können-Projekten" verwandelt hatten.
Mein zweiter Besuch war zwar auch ereignisreich, hinterließ jedoch einen völlig gegenteiligen Eindruck. 

In dem Wissen, dass man direkt am Gebiet biwakieren kann, waren wir für ein ganzes Wochenende angereist. Samstags früh los zu fahren, so war der Plan, der trotz eines langen Kneipenabends in die Tat umgesetzt wurde. Mit der Konsequenz jedoch, dass auf dem Freyrer Parkplatz angekommen erst einmal der Müdigkeit nachgegeben werden musste. Erst gegen Nachmittag war diese endgültig überwunden. Das Fazit ziehend, dass vor Klettertrips entweder weniger gefeiert oder länger geschlafen werden müsste, machten wir uns endlich auf den Weg den angenehmen Zustieg talwärts auf uns zu nehmen. 

Wie Rippen ziehen sich die einzelnen Sektoren vom Hochplateau zum Maasufer hinunter. Dabei erreichen sie Wandlängen bis 100 Meter. Der  „Tête de Lion“ ragt sogar in den Fluss hinein. Auf einem schmalen betonierten Steg kann man auch diesen Felsen passieren. An heißen Klettertagen ist es eine Wonne zwischendurch Gurtzeug durch eine Badehose zu ersetzen und ein erfrischendes Bad in der Maas zu nehmen.ochplateau
Moderat in den alpinen Klassikern...
Wir statteten dem Sektor Jeunesse einen Besuch ab. Viele Routen vom 4. bis zum 7. französischen Grad warten hier auf Wiederholer. Der Fels ist stark strukturiert und löchrig. Die Routen sind zumeist leicht geneigt bis leicht überhängend. Kleingriffige und technisch anspruchsvolle Sequenzen bilden die Schwierigkeiten. Lediglich die Routen „Welcome to the machine“ 7a und „Hercule Poivrot“ 7a+ ziehen athletisch durch einen Überhängenden Wandteil.

Das Klettern klappte hervorragend. Die Routen gefielen uns ausgesprochen gut. Die vielen bis zu 30 Meter langen Routen zwischen 6a und 6c sind traumhafte Linien und werden ihren Graden gerecht. So zum Beispiel „Les negresses verts“ 6a, welche die Kruxpassage auf den ersten 8 Metern bereithält, aber anschließend kontinuierliches Dranbleiben in gutgriffigem aber überhängendem Fels verlangt. 

Glücklicherweise klärt sich auch der Hakenmythos. Die Absicherung der Routen empfinden wir immer als vernünftig, sehr selten als schlecht aber auch nie als übertrieben. Man kann sagen, dass man dem Grad gewachsen sein sollte. Bei alten Routen, wie beispielsweise „La Grunne“ aus den 30ern kann das Legen eines mobiles Sicherungsgerätes schon mal ein allzu alpines Gefühl verhindern.

Alles korrekt?
Der zweite Teil des Nachmittages führt uns zum Sektor „Le Pape“. Hier so wie auch an seinem benachbartem Massiv Al`Legne befinden sich sowohl schwerste Sportkletterouten bis 8c, sowie auch klassische und moderne Mehrseillängen. 
 Zwischen „Samarkande“6c und „Les pavés du nord“6c klettern wir diverse  Routen die zunehmende Erschöpfung ignorierend hintereinander weg. Die meisten befinden sich in den Graden 6a und 6b. Tolle Bewegungen verlangt der Fels einem ab um die technisch anspruchsvollen und kräftigen Schlüsselpassagen zu überwinden. Als die Arme gar nichts mehr ziehen mochten, die Finger keinen Griff mehr festhalten konnten und die Füße nur bei dem Gedanken an das enge Schuhwerk schmerzten hieß es als letzte sportliche Leistung des Tages die hundert Höhenmeter nun zu Fuß  zu überwinden. Hierbei vergisst man gerne mal die schönen vergangenen Stunden beginnt über die Steilheit des Weges, das Gewicht des Rucksacks und natürlich über die schmerzenden Füße zu fluchen. Ist diese Hürde jedoch geschafft warten im „Chamonix“ direkt am Parkplatz eben die leckeren belgischen Pommes Frites, mit einer Riesenauswahl an Saucen und einer noch größeren an belgischen Bierspezialitäten, ebenso wie typische Desserts wie den bekannten „Gauffres“ (Waffeln). 

Hier kann man sich wirklich für tolle Kletterleistungen belohnen oder für einen schlechten Klettertag entschädigen. Einen Grund findet man auf jeden Fall seinen Abend im „Chamonix“ zu verbringen um anschließend sein Zelt  auf der Biwakwiese aufzuschlagen. Für die Nutzung der Wiese, sowie der sanitären Einrichtungen des „Hotel Merinos“, so wie die Hütte des belgischen Alpenvereins sich nennt, entrichtet man bei Jean Bourgoise, der als eine Art Hütten- und Gebietswart fungiert einen Obolus von zwei Euro pro Übernachtung. Vorraussetzung für das Klettern sowie für die Nutzung der Biwakwiese ist die Mitgliedschaft in einem Alpenverein.

Die Kruxseillänge der Al´Legne
Am Sonntag beschlossen wir ob der vorhandenen Möglichkeiten und trotz der nicht vorhandenen Vorbereitung eine Route die im Topo mit vier Seillängen und dem Grad 6a angegeben war zu klettern. „La Diretissima“ lautete ihr Name welcher uns direkt in alpinste Stimmung versetzte. Nur mit Kletterkram und einem kleinen Rucksack bewaffnet stiegen wir parallel zum Sektor Al´Legne zum Maasufer hinunter. Am Einstieg angelangt warteten schon drei Seilschaften auf ihre Gelegenheit die gleichnamige Route einzusteigen, welche sich in 6 Seillängen um den Bug des Felsens schlängelt. Im Jahre 1933 wurde „Al´Legne“ von Graf Xavier de Grunne mit Hilfe von 8 Kompagnons darunter König Albert und Prinz Leopold als erste Kletterroute auf dieses Massiv eröffnet. Nur zwei Jahre später wurde „La Diretissima“ mit selbst hergestellten Haken und um den Bauch gebundenen Hanfseilen in dicken Stiefeln geklettert. Mit Freikletterstellen von 5c und 6a kann diese von enormer Kühnheit zeugende Tat in dieser Epoche als alpinistisches Meisterstück betrachtet werden.

Ob des Staus am Einstieg lautete die Devise erst einmal Zeit totschlagen. Der Untätigkeit fiel auch der Großteil unseres kleinen Getränkevorrats zum Opfer.
Als eine gute Stunde später auch wir uns zu rüsteten begannen schauten uns die letzten belgischen Seilschaften fragend an. „Keine Helme, keine Keile?“ stand in ihren Gesichtern zu lesen. „Waren wir nicht drauf vorbereitet!“ war wahrscheinlich nicht in unseren Gesichtern zu lesen. Trotzdem hielten wir das Risiko für tragbar.

Kalimero und Kalimera
Wir stiegen ein. Da der erste Stand schon nach 10 Metern auftauchte und mit 8 Kletterern mehr als überfüllt wirkte, beschloss ich direkt zum zweiten zu klettern, den ich auf einem Absatz ca. 15 Meter über mir vermutete. Leider war hier kein eingerichteter Standplatz zu entdecken, also ging die Reise weiter. Die mitgenommenen Expressschlingen wurden weniger, die ausgegebenen Seilmeter hingegen mehr. Als ich einen Standplatz entdeckte war ich bereits dabei, durch konsequentes auf und ab klettern das jeweils vorletzte Päarchen zu bergen um es als nächstes zu verbauen. Dies schien die beobachtenden Belgier in ihrer Einschätzung unserer Seilschaft mehr als zu bestätigen. Endlich am Stand angekommen holte ich Isabelle nach. Ebenfalls am Stand angekommen vertraute sie mir an, dass ihr inzwischen nicht mehr ganz so wohl bei der Sache war. „Lass uns umkehren.“ War ihre Bitte. „Okay“ sagte ich, „hast Du einen Achter dabei?“ Ihre Verneinung und die daraus entstehende Konsequenz, dass nur ein Weg aus der Tour führt, nämlich nach oben, bestätigte nun auch uns, dass die Belgier nicht ganz falsch lagen mit ihrer Einschätzung.

Ein kühles Bad wäre auch nett gewesen!
Die Lage entspannte sich zunehmend und wir genossen die Kletterei hoch über der Maas mit Blick auf des Schloss Freyr und das gute Wetter.
Kurz vor dem Ausstieg der Route fand ich mich vor einer überhängenden Verschneidung wieder, aus der ich auf das Gipfelplateau manteln sollte. Die letzte Sicherung befand sich gefühlte 5 Meter unter mir. Diese Situation holte mich wieder auf den Boden der Tatsachen zurück. Realisierend, dass die Kommunikation zum unteren Stand schwer eingeschränkt war, malte ich vor meinem inneren Auge eine aufs äußerste konzentrierte Sicherungspartnerin aus und schwang mich nicht schön aber effektiv auf den Gipfel, hakte mich in den großen Standring und atmete tief durch.

Mist - Schuhe am Einstieg vergessen!
Nahezu zeitgleich tauchte der erste Belgier aus der Al´Legne neben mir auf und fragte mich mit großen Augen „Trés difficile?“(TD die klassische Bewertung der Route) „Äh, oui!“ Zu mehr Konversation war ich gerade kaum im Stande, freute mich aber innerlich über die offensichtliche Anerkennung.

Inzwischen kann ich meine Freyrbesuche kaum mehr zählen. Wenn Belgien nicht grau und verregnet vorhergesagt ist, und ich zwei Tage übrig habe, nehme ich die zweieinhalb Stunden Fahrt sehr gerne auf mich, um an der Maas Sportklettern, einen Hauch von alpinem Klettern, Zelten, Pommes frites und Hoegaarden zu genießen. Die Vielfältigkeit, gepaart mit der Entspanntheit die es dort zu erleben gibt macht es zu einem wichtigen Klettergebiet für Kletterer aus dem Rheinland.


Einkehr:  Das beschriebene "Chamonix" ist nun 
          eine wild bewachsene Wiese. Für 
          Ersatz sorgt die Friture "La Cobeli"

Topo:     Freyr - Marc Bott und Ruben Beckers
          Auflage 2014 
          Erhältlich in "La Cobeli"
                                  

Bildergebnis für topo freyr 2014 marc bott
                                                            

Freitag, 19. Juni 2015

English Trad- Lesson 1


„What am I doing here?“, ...


Ja, was mach ich nur hier?

...hallte die Frage in meinem Kopf nach. Ein älterer Herr war es, der sie am Vortag in verzweifelter Tonlage und sehr britischem Akzent zu mir hinüberrief. Da kletterte ich gerade die Route „Flying Buttress“ (VD) am gleichnamigen 15 Meter hohen Gritstone-Pfeiler in Stanage Edge. Es war meine zweite Route in diesem Urlaub und meine zweite im berüchtigten Peak District überhaupt. Vor wenigen Stunden noch hatten wir auf europäischem Festland gestanden und jetzt schon hingen wir übermüdet, aber gut gelaunt in unseren ersten Routen. Der Brite, der eben noch das viel zu heiße Wetter trocken mit „The weather in England is always like this!“ kommentiert hatte, schien mittlerweile etwas an britischem Humor eingebüßt zu haben. Nachdem er im Nachstieg in Windeseile die Einstiegsplatte von „Flying Buttress Direct“ (E1 5b) hochgerannt war, stagnierte nun sein Fortkommen am Anfang des eindrucksvollen, von Querbändern durchzogenen Daches. „What am I doing here?“, hörte ich ihn erneut mich fragen und ich erzählte ihm, dass es mein erster Klettertag hier sei und ich mich wahnsinnig auf eben diese Route, in der er hinge, gefreut habe. Doch nun begänne ich, etwas zu zweifeln. Einige Versuche später bat der Brite seinen Partner, ihn abzulassen. Eigentlich hatten wir nach diesem anstrengenden Reisetag nur etwas Stanage-Luft schnuppern und ganz leicht klettern wollen. Doch dann hatte ich es doch wissen müssen und mich auch für den direkten Weg auf dieses Türmchen bereit gemacht. Meine eigentliche Sorge war die Einstiegsplatte gewesen, die laut Topo „unprotectable“ ist. Doch diese war tatsächlich schnell überwunden und die folgende Kletterei aus weiten Zügen an guten Griffen und perfekten Hook-Möglichkeiten machte so viel Spaß, dass ich mich schon kurze Zeit später total geflasht auf dem Gipfel des Flying Buttress wiederfand. Mein erster E-Point war gesammelt.


So steil, der "Flying Buttress"
Eroberung– 
„The Unconquerables“

„What am I doing here?“, hallt die Frage erneut durch meinen Kopf und holte mich aus den Tagträumereien von gestrigen Erfolgen ins Hier und Jetzt zurück. Ein Blick durch meine Beine hindurch lässt sie laut werden. Dort sehe ich meinen letzten Cam gute 2 Meter unter mir goldgelb in der Sonne blitzen, während mein rechter Zeige- und Mittelfinger sich tiefer und tiefer in eine seichte Dulle graben. Ich schiebe meinen vibrierenden Körper Zentimeter für Zentimeter weiter nach links oben und nähere so meine linke Hand dem gut aussehenden Seitgriff. Geschafft: Der Griff ist erreicht! Der Riss allerdings, der meinen rettenden Camelot aufnehmen soll, sträubt sich, während mein Arm dicker und dicker wird. „The Left Unconquerable” (E1 5b) heißt die Route, die mich in diese missliche Lage kommen lässt. „The well-protected crack …“, stand im Topo, „maybe your first E1 …” „No, but my last one!”, denke ich. Endlich findet mein Klemmgerät eine vertrauenerweckende Position, die mich die letzten, leichteren Meter absolvieren lässt. Oben angekommen überkommt mich eine tiefe Zufriedenheit, wie ich sie lange nicht mehr beim Klettern hatte. Eine Zufriedenheit, die süchtig machen kann.

Einfach himmlisch- Der "Heaven Crack"
Auch Heni hatte heute schon ihre Dosis bekommen. Es war der „Heaven Crack“ (VD), an dem sie ihre Jungfräulichkeit in Sachen „Trad-Klettern“ verlieren sollte. „The inviting flake-crack is climbed by a layback- jugfest …“ Das klang mehr als einladend. Und zudem war zu sehen, dass die von unten bis zum Ausstieg ziehende Rissschuppe Klemmgeräte aller Art geradezu gierig verschlucken würde. Also eine perfekte Initiationsroute. Nachdem Heni die Tour noch einmal im Vorstieg an den von mir gelegten Camelots probiert hatte, war es so weit. Alle Geräte wurden entfernt und Heni kletterte souverän ihre erste cleane Route.

Wieder waren es gerade mal drei Routen, die wir heute absolvierten. Trotzdem stapften wir befriedigt und überglücklich unserem wohlverdienten „Old Speckeled Hen“- Ale auf dem North Lees Campsite entgegen.

Auf den Spuren von „Hard Grit“
Beruhigende Geometrie im Burbage Valley
Das ist nun knapp zwei Wochen her.  Heni und ich lümmeln etwas wehmütig auf unseren Crashpads im Burbage Valley. Wir haben eben unsere allerletzten Kräfte in die allerletzten Kletterzüge dieses Trips investiert und nehmen nun innerlich Abschied von einem traumhaften Ort. Unsere Blicke schweifen nochmals durch das offene Tal, das in all seinen prächtigen Farben eher gemalt als wirklich erscheint. Der mannshohe Farn, durch den wir uns so oft zum Wandfuß kämpfen mussten, leuchtet in einem tiefen, satten Grün, wohingegen die blühende Erika die restlichen Flächen sanftlila erstrahlen lässt. Die landwirtschaftlich genutzten Hügel am Horizont weisen die gesamte Farbpalette von Gelb bis Grün auf. Die kleinen Steinmäuerchen teilen die gesamte Szenerie in geradezu beruhigende Geometrie auf. Unsere Gedanken reisen durch zwei Wochen voller Ereignisse, Eindrücke und toller Momente. 

Muss man gemacht haben: Abseilfahrt an einezlnem Cam
Hinter uns am Felsabbruch von Burbage Edge thronen Routen wie „Parthian Shot“  und „Meshuga“. Routen deren eindrucksvolle Begehungen von Seb Grieve – cineastisch festgehalten im Film „Hard Grit“ – meine frühere Einstellung zum englischen Klettern geprägt und in meinem Kletterumfeld einen regelrechten Mythos um diese Kletterdestination hat entstehen lassen. Ein Gebiet ohne einen einzigen Haken, noch nicht einmal Umlenker: Wie soll man da klarkommen? Seither rangiert Klettern im Peak District in meinem Kopf unter: „Echt cool! Muss ein richtiger Kletterer auch mal gemacht haben. Aber vielleicht nicht gerade morgen.“ 

Weniger aufregend aber auch schön: Marks Roof

Was hat uns also hierher zum Klettern verschlagen? Eigentlich war es ein Bouldertopo, der uns zunächst in Erwägung ziehen ließ, eine Reise auf die Insel zu unternehmen. Und wenn man schon mal da ist, könnte man ja auch mal eine gaaaanz leichte Route ausprobieren, damit man dieses Kapitel in seinem Kletterleben auch abgeschlossen hat. Also kaufte ich mir auch den Kletterführer für Stanage und begann, darin zu lesen. Je mehr ich las, desto mehr fesselten mich die Geschichte und die Geschichten dieses einen Felsriegels. Meine Liste an Routen, an denen ich mich dort versuchen wollte, wurde immer länger und ich wurde immer ungeduldiger, endlich im Peak zu sein. Als es dann schließlich in Richtung England losging, war klar, dass die Crashpads nur noch die zweite Geige hinter Friends und Keilen spielen würden. 

Picknick among „Friends“

Und nun am Ende eines traumhaften und doch so anderen Klettertrips schauen wir selbst auf jede Menge Geschichten zurück. Kein Kapitel ist abgeschlossen worden, sondern im Gegenteil: Ein neues in meinem schon langen Klettererdasein wurde geöffnet. Das Kapitel Trad-Klettern. Weniger die Tatsache, dass Klemmgeräte fixe Haken ersetzen, hat mich beeindruckt, sondern vielmehr eine Natürlichkeit, die in der Luft lag. Die Menschen, die am Fels zusammenkamen, waren so liebenswert unprätentiös. Man traf sich, wie zum sonntäglichen Picknick. Geklettert wurde nur nebenbei, ohne große Show. Eben einfach, weil der Fels dasteht. Und genauso, wie er da steht, wird er wieder verlassen. Ohne Haken, ohne Umlenker.

Knitteriges Männlein ganz Steil
So trafen wir am High Neb Buttress ein älteres Männlein. Ich hielt ihn für einen Wanderer und war schon beeindruckt, dass er den steilen Weg bis zum Wandfuß geschafft hatte. Er trug ein zerknautschtes Fischerhütchen und hatte einen Pullover um die Hüfte geknotet. Er fragte mich, ob wir hier klettern würden, was ich bejahte, um mich weiter meinem Material zu widmen. Als ich mich wieder umsah, sah ich das zerknautschte Männlein mit seinem zerknautschten Hütchen den „Inaccessible Crack“ (VS 4c) hochturnen: kein Seil, keine Sicherung, lediglich ein paar uralte Boreals an den Füßen. Da ich eben erst diese Route fluchend und zitternd hochgeeiert war, konnte ich dem Männlein nur staunend hinterherschauen, bis er über dem Felskopf verschwand. Auch diese Szenen wirken im Peak nicht darstellerisch, sondern natürlich. Wie wir später feststellen durften, trifft man hier auf Freizeitkletterer, die vor Arbeitsbeginn ein paar ungesicherte Klettermeter machen, wie auf Jogger im Kölner Rheinauhafen.



Erst wenn alle oben sind...
Als wir am dritten Tag erneut mit schwerem Gepäck den steilen Weg vom North-Lees-Campingplatz zu den Felsen von Stanage Edge hochzogen, hieß der Plan vor allem leicht und gemütlich klettern. Auch das lernten wir im Peak: Ein Tag, an dem kein toller Grad gezogen wurde, keine spektakulären Moves geschafft wurden, ist hier genauso erfüllend. Es zog uns wieder ins „Popular End“ wo uns heute der „Hollybush Crack“ (VD), der „Christmas Crack“ (HS 4b) und der „April Crack“ (HS 4b) einen schönen Tag bescheren sollten. Während ich mich am Einstieg des „Hollybush Cracks“ für die knapp zwölf Meter mit allem Gerät wappnete, das wir dabei hatten, zog wieder ein Solokletterer gemütlich seine Bahnen. Bis ich die erste Hand an den Fels legte, hatte er bereits drei Routen geklettert. Ich bevorzuge es trotzdem, diese herrliche Rissverschneidung reichlich mit Klemmgeräten zu bestücken, und arbeitete mich gemütlich in Richtung Gipfelplateau vor. Was mir am ersten Klettertag noch ein mulmiges Gefühl beschert hatte, wurde zur täglichen Routine geworden: der Standbau. Dazu lege ich einen Camelot in eine Felsspalte und eine extralange Bandschlinge um einen der vielen Grit-Blöcke, setze mich hieran gesichert gemütlich auf die Felskante und sichere Heni nach. Ich genieße den Ausblick über das Tal ebenso wie den Blick in das illustre Klettertreiben um mich herum. Unter dem fast meditativen Geläut von Keilen, Cowbell-Hexentrics und anderer Hardware sowie dem andauernden Mähen der Schafe arbeiten sich die Seilschaften mit sich und der Welt zufrieden die Wände empor, sortieren all ihr Gerät und trotten zum nächsten Abstieg zum Wandfuß, um von vorne zu beginnen. Auch diesen Aspekt des englischen Kletterns habe ich schnell lieben gelernt: Alles geht ein bisschen gemächlicher zu als anderswo. Geklettert wird meist als Seilschaft. Ob zu zweit oder zu dritt: Erst wenn alle oben sind, ist die Route abgeschlossen. 

Piazzen hilft nicht nur im Christmas-Crack
Verfrühte Weihnachts-geschenke und ganz viel Kletter- geschichte
Als Nächstes begeben wir uns zum viel gelobten und dem Sektor den Namen gebenden „Christmas Crack“. Wie wir erfahren, bilden sich vor dieser Route unabhängig vom Wetter jedes Jahr am 25.12. lange Schlangen, da sich bei den Locals die Tradition entwickelt hat, noch mal eben diese 15 Klettermeter zu absolvieren, während zu Hause der Braten schon in der Röhre brutzelt. Warum, dass weiß keiner mehr so richtig, aber wie ein wahres Weihnachtsgeschenk mitten im Sommer kam uns diese Traumroute auch vor. Ein durchgängiger Piaz-Riss führte uns in immer eleganter, aber leicht wackeliger Kletterei zum Gipfel. Den restlichen Klettertag blieben wir dieser Art der Kletterei treu. „Well protected“ oder „protectable“ sind die Zauberwörter im Topo, die einen wissen lassen, dass man seine diversen Klemm-Materialen gut und effektiv einsetzen kann. Zumeist sind es Risse, Rissverschneidungen und Rissschuppen, die mit diesem Prädikat aufwarten. 

Must Do: Die Uneroberbaren

Noch viele weiter Klassiker im Bereich VD bis HVS kletterten wir in den folgenden Tagen. So zum Beispiel auch die „Right Unconquerable“ (HVS 5a). Sowohl die linke, wie auch die rechte „Nicht zu erobernde“ Linie mussten ganze 17 Jahre auf ihre Eroberung warten. Wie die Silhouette des afrikanischen Kontinents legen sich die Strukturen dieser Routen auf die leicht überhängende Wand. Im Jahr 1932 entdeckte sie Eric Byne, benannte sie, um den Namen möglichst bald widerlegen zu können. Doch erst im Jahr 1949 gelang es Joe Brown, beide zu klettern.

Wesentlich angenehmer zu klettern und abzusichern wartet die rechte von beiden mit nicht minder toller Kletterei auf. Die durchgehende Piaz-Kletterei an einer faustgroßen Seit- und Untergriffschuppe ließ mich in einen derartigen Kletterfluss kommen, dass ich ganz erstaunt war, als ich plötzlich schon am Ausstieg stand. 

Bei genauem hinsehen sieht man das ausladende Dach
Nach einigen Tagen juckte es dann doch wieder in den Fingern und ich wollte noch mal die Herausforderung suchen. „Quietus“ (E2 5c) hießen die Klettermeter der Begierde. „The all-time great gritstone-roof …a real benchmark in any gritstoner´s career.“, so pries der Kletterführer diese spektakuläre Dachkletterei an. Und gelegen sein konnte sie nicht besser als am High Neb Buttress. Was Bas Cuvier für das Bouldern in Fontainbleau ist, ist dieser Ort für das Klettern an Stanage Edge. Mehr als einmal wurden hier die Grenzen des Kletterbaren verschoben. Nicht zuletzt mit dem „Last great problem“ zu Beginn des 20. Jahrhunderts, dem „High Neb Buttress Direct“ (VS 4c). Der Norweger Ivar Berg war es, der dem lokalen Helden des Peak-Kletterns H. M. Kelly die erste Begehung vor der Nase wegschnappte. Dieser hatte sich die Route systematisch im Toprope erarbeitet und fühlte sich nun bereit, den Durchstieg zu versuchen. Als er eines Sonntags im Jahr 1914 morgens am High Neb auftauchte, fand er den zufriedenen Norweger Ivar Berg, der die Nacht dort campiert hatte und morgens nichts ahnend den „High Neb Buttress Direct“ solo onsight erstbegangen hatte.

„Quietus“, das wählerische Rissmonster
Für mich aber sollte es „Quietus“ sein. Ein wenig nervös stieg ich in die Route ein. Ob wohl ein Flash möglich wäre? Dann müsste ich zumindest kein zweites Mal in dieses beeindruckende Dach. Ich hatte in etwa eine Vorstellung, welche Cams und Keile ich wohin legen wollte. Bis zum Dach sollten es möglichst wenige sein, damit sich die Seilreibung in Grenzen hielt. Doch schon nach den ersten Metern wird die Kletterei über den ersten Überhang wesentlich wackeliger, als ich es vermutet hatte. Mein 0,3er-Cam, dem eigentlich ein Platz im Dachriss zugedacht war, verschwindet in einem viel zu flachen Riss. „Der hält doch nie!“ Und der 0,1er wird im eigentlich benötigten Untergriff versenkt. „Das fängt ja super an!“, fluche ich innerlich und mein Nervenkostüm bekommt die ersten Risse. Auf schlechten Tritten in einer überhängenden Verschneidung hängend, versuche ich, Millimeter für Millimeter an Höhe zu gewinnen, um endlich den guten Riss und somit das rettende Placement zu erreichen. Nach einigen Zügen und diverse Klemmgeräte später finde ich mich unter dem Dach auf einer No-Hand-Platte stehend wieder. Meine Souveränität in Sachen Trad-Klettern hat bereits massiv gelitten und mit einem Blick auf den über mir liegenden Dachriss wird mir schmerzlich bewusst, dass ich sämtliches Material, das ich nun brauche, in mein bisheriges Überleben investiert habe. „Dann muss der 0,5er eben reichen. Über dem Dach kann ich bestimmt noch was unterbringen“, versuche ich, mir neuen Mut zu machen. Ich kletterte das Dach an und platzierte meine lila Hoffnung. Die kommenden Züge sind nicht gerade schwer, aber mit wilden Hooks auf Kopfhöhe auch nicht eben unspektakulär. Mit jedem Zug geht mein Blick wieder zu meiner einzigen Sicherung im Dach und mit jedem Blick scheint diese an Solidität zu verlieren. Schließlich hangele ich an der riesigen Schuppe zurück zum Dachwinkel und klemme aus Mangel an Alternativen einen Keil dazu. Und wieder die Henkelpassage bis zur Dachlippe. Ist der Riss darüber breiter? Große Camelots habe ich noch in Massen am Gurt. Ein Blick verrät mir, dass nichts davon passen wird, doch aus purer Verzweiflung probiere ich alles aus, was noch am Gurt baumelt. Ein schlechter Cam und ein windiger Keil: Das ist in meinem Kopf eine einfache Gleichung. Mit aufsteigender Panik mache ich mich daran, mit meinen inzwischen betonharten Armen die Hangelpassage zurückzuklettern und die rettende No-Hand-Platte zu erreichen. „Erst mal durchschnaufen. Noch bist du im Flash-Versuch.“ Also beginne ich, die Platte abzuklettern, so weit es geht, mir einen 0,4er-Cam unter mir zu angeln und durch einen Keil zu ersetzen. Ob das Rumbasteln an den letzten vertrauensgebenden Placements eine gute Idee ist, frage ich mich glücklicherweise nicht, denn meine Nerven liegen schon ziemlich blank. Nachdem auch meine Arme wieder einsatzbereit sind, starte ich einen neuen Versuch, klettere die mir so vertraut gewordenen Meter wieder hinaus zur Dachkante, schiebe den 0,4er-Cam in den Riss vor meiner Nase und setze endlich zu der vermuteten Krux-Passage an. Ich schnappe so hoch wie möglich in den linken der beiden Risse und finde mich Sekunden später im Seil an meinem 0,4er hängend wieder. Ob die Erleichterung über die haltende Sicherung oder die Enttäuschung über den nicht geschafften Flash größer war, kann ich klar mit Ersterem Beantworten. Auch wenn ich diese Route in diesem Urlaub nicht mehr geklettert habe, war sie eine der tollsten, die ich probiert habe.


Kulinarische Rettung für den Rheinländer
„What am I doing here?“ Diese Frage können wir in der untergehenden Sonne im Burbage Valley sitzend ganz klar beantworten: „Having a really good time on gritstone!“ Mit dem Mythos über das englische Klettern konnten wir aufräumen, mit dem über englisches Essen leider nicht. Aber wir schmieden jetzt schon Pläne für den nächsten Trip in den Peak District.