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Donnerstag, 5. September 2013

Der schwerste 6. Grad...



...oder ungewollte Neuerschließung

Schweigend sitzen wir in der offenen Hecktüre des Bullys und mummeln unser Frühstücksbrötchen in uns hinein. Es ist kurz nach sechs Uhr morgens. So früh steht man nun wirklich nicht an einem Urlaubstag auf. Doch gestern ist es schon so unerwartet heiß geworden, dass wir in der Wand beinahe verbrannt wären. Schultern und Beine zeigen  deutlich rote Spuren des intensiven Sonnenbades. Also wurde heute der Wecker noch eine Stunde früher gestellt. Vielleicht sind wir ja, wenn es richtig heiß wird, schon oben. 8 Seillängen bis zum glatten 6. Grad sollen uns 250 Meter die Parete San Paolo hinaufführen. Selene heißt dann die ganze Unternehmung. Die Göttin des Mondes. Passt zumindest zur Uhrzeit.

 
So richtig hat keiner Lust zu reden. Die Euphorie ist im Laufe der Tage einer gewissen Routine gewichen. Aufstehen, frühstücken, klettern, absteigen, relaxen. Auch sind wir nach diversen Klettertagen und großer Hitze schon ganz schön fertig. Trotzdem sollte es heute die „Selene“ noch mal sein. Hat es doch vorgestern schon wegen akutem Kräftemangel zum Abbruch nach der ersten Seillänge und einem eingeschobenen Pausentag geführt.
Eine halbe Stunde später finde ich mich am ersten Stand wieder. Auch Heni scheint im Nachstieg gut voranzukommen. Mein Blick wandert über die Bergketten und ich beobachte, wie sich die ersten Sonnenstrahlen über den Monte Stivo kämpfen. „Lass dir ruhig Zeit“, flehe ich die Sonne gedanklich an. Doch am 2. Stand brennt sie schon wieder unerbittlich auf unserer Haut. Dafür läuft die Kletterei gut. Heni erreicht mich und wir werfen gemeinsam einen Blick auf den gestern liebevoll von mir abgezeichneten Routentopo. Ein bisschen nach links queren und dann über einen kleinen Überhang, so stellt sich die Skizze dar. Also klettere ich los. Eine Sanduhrschlinge führt zu einem Ringhaken. Von dort sehe ich weit entfernt links über mir einen Überhang. Da muss es sein. Also quere ich weiter. Inzwischen ca. 5 Meter links vom letzten Ring sehe ich trotz der bislang akzeptablen Absicherung weder einen Haken noch einen offensichtlichen Ort, der eine mobile Sicherung beherbergen würde. Die zu überwindende Platte wird griff- und trittärmer. Doch noch mal einige Meter weiter links entdecke ich ein kleines Plateau und nach einem untersuchenden Blick auch zwei Standhaken. Laut Topo sollte dort zwar gar keiner sein, doch in Anbetracht des sonst entstehenden Seilverlaufs war es auch wiederum gut, dass dort noch ein Zwischenstand eingerichtet worden war. Eine runde, offene und wenig tiefe Einfurchung durch die Platte schluckt glücklicherweise meinen 2er-Camelot. Nicht nur an mich, sondern auch an die nachsteigende Heni denkend empfinde ich das zu absolvierende Manöver vom Ring zum Stand zu gelangen als halsbrecherische Aktion. Leider spuckt die Wand meinen Lieblingscam bei meiner ersten Bewegung wieder aus. Dieses altbekannte Gefühl steigt in mir auf. Jenes, welches immer wieder im Laufe eines Kletterlebens die Frage auf wirft: Was mache ich hier? Warum sitze ich nicht am Gardasee oder in einem Eiscafé?
Beim zweiten Mal wird mein Cam geduldet. Dass er im Sturzfall an Ort und Stelle bleibt, glaube ich in diesem Moment schon, aber nur, weil ich es glauben möchte, und rette mich mit hektischen Bewegungen auf das Plateau. Ich hoffe, dass Heni jetzt ebensoviel Glauben aufbringen wird, und fordere sie zum Nachkommen auf. Auch sie kommt mit kleineren mentalen Verschleißerscheinungen am Stand an. Erneut wird meine Toposkizze begutachtet und diskutiert. Beide sind wir uns einig, dass dieser Stand eine sehr vernünftige Sache ist. Wie wäre doch die Seilreibung gewesen, wäre man direkt weitergeklettert? Und überhaupt bieten sich doch diese Quadratmeter, zudem im Schatten gelegen, für diesen Zweck an.
 
Und von diesem Punkt konnte man nun das erste Highlight der Route angehen. Der erste von „vielen Überhängen, die infolge ihrer Gutgriffigkeit relativ leicht zu übersteigen sind“, so stand es geschrieben. Im 6. Grad befindet sich diese Passage und voller Vorfreude steige ich ihr entgegen. Die 3 Meter überhängender Fels sind von einem Riss durchzogen, welcher offensichtlich auch die darüber liegende Wand teilt. Ich klettere die ersten Meter an. Gute Griffe finde ich nicht. Vielmehr bleibt erst einmal nur, den Riss zu piazzen. „Darüber wird schon eine Kelle kommen“, denke ich, aber sie kommt nicht und während meine Arme dicker werden, klettere ich bis zum letzten No-Hand-Rest vor dem Überhang ab. „Ich bin ja auch schon platt, zudem schmieren die Griffe in der prallen Sonne. Wirst dir doch jetzt nicht den Onsight nehmen lassen. In einer 6er-Seillänge!“ Also noch mal. Die Züge gehen schon etwas besser, aber die Suche nach der relativen Gutgriffigkeit bleibt wieder ergebnislos. Und noch mal, und wieder ab zum No-Hand. Und noch mal und noch mal. „Das muss doch gehen!“ Die Versuche werden schon etwas ungeduldiger und wütender und schließlich stehe ich wieder am Ende des Überhangs in Piaz-Stellung und gebe die Suche nach der Kelle auf. Stattdessen stelle ich, krampfhaft das Öffnen der Tür verhindernd, pumpend und keuchend, „Jetzt aufpassen“ rufend, den linken Fuß auf Reibung, den rechten in den Riss, den linken nochmals hoch und stemme mich weiterhin mit aller Spannung in die Gegendruckposition. Inzwischen liegt die letzte Sicherung weit unter mir und das Einhängen der leicht angegammelten Seilschlinge würde nochmals ein extrem wackeliges Unterfangen werden. Mit Armen dick wie Betonpfeiler und einer ordentlich angeschlagenen Psyche würge ich das Seil in die Expressschlinge und atme auf. Auch auf dem Weg zum Stand vermisse ich die relative Gutgriffigkeit, aber der ernsthaften Gefahr entronnen, lassen sich die übrigen Meter auch noch absolvieren.

„Immer tüchtig in die Schlingen greifen“, lautet mein wohlwollender Rat an Heni, in der Sorge, dass sie als bekennender Nichtfan von Überhängen dort auch ihre liebe Not haben wird. Wie eine halbe Ewigkeit kommt es mir vor, die Heni benötigt, um die Länge begleitet von einigen Unmutsäußerungen zu absolvieren.
Ich nutze die Zeit, die nächste Länge zu mustern. Und um mir die Gefährlichkeit des weiteren Abstands zur ersten Sicherung gründlich einzureden. Zudem tauchen wieder kleinere Ungereimtheiten zwischen Skizze und Realität auf. Ob der Topo schlecht ist oder ich schlecht abgezeichnet habe, mag ich in dem Moment nicht beurteilen, aber es ist wie üblich anzunehmen, dass die Schuld nicht bei mir liegt. Wie dem auch sei –die namensgebende mondsichelförmige Verschneidung geht nicht senkrecht über dem Stand los. Vielmehr gilt es, vorweg ca. 15 Meter Querung zu absolvieren, bis ich eine, wenn auch kurze und nicht gebogenen, Verschneidung ausmachen kann. Als Heni offensichtlich auch etwas von der Kletterei mitgenommen bei mir auftaucht, informiere ich sie kurz über die Ungereimtheiten und klettere dann los. Mit der entsprechenden psychologischen Vorarbeit  im Gepäck klettere ich zittrig die erste Seilschlinge 4 Meter über meinem Kopf an. Die Platte ist von der Sonne schmierig. Eine traumhafte Querung folgt. Es geht unter einer goldgelben, versinterten Wandzone her und nach einigen Metern steige ich in Richtung Verschneidung an. Dort angekommen sind meine Arme wieder ziemlich dick und ich schüttele die restlichen Meter bis zum Stand fast an jedem Griff sekundenlang meine Arme aus.


Heni kommt nach. Die „Mach mal zu“-Frequenz steigt deutlich an. Da ich nun in der prallen Sonne stehe, meine Füße in den Kletterschuhen auf das doppelte angeschwollen sind und nun der Platz im Inneren nicht mehr auszureichen scheint, weil meine gestern noch leicht geröteten Schienenbeine  sich im Zeitraffer von Lachs- zu Krebsrot verfärben und weil ich überhaupt einen großen Drang verspüre, bald anzukommen, bete ich mantraartig: „Komm schon, mach schon, das bekommst du schon hin!“, vor mich hin.

„Ich komme hier nicht weiter. Hier geht gar nichts mehr!“, reißt mich jäh aus meinem Gebet. Heni hängt in der Verschneidung. Immer und immer wieder probiert sie, die Stelle zu lösen, doch es lässt sich kein Millimeter mehr Seil einholen. „Geif ins Pärchen! Häng dir ’ne Schlinge als Tritt ein! Lass ruhig alles hängen!“, sind meine Empfehlungen. Doch immer wieder kommt: „Geht auch nicht!“ als Antwort. 4 SL trennen uns nur noch vom Gipfel und einem bequemen Spaziergang ins Tal. Zugegebenermaßen keine sonderlich leichten, wenn man dem Topo glauben darf, aber alles absehbar. Mit Grausen denke ich jedoch an eine mögliche Abseilfahrt und die damit verbundenen Ungewissheiten und Strapazen. Eine SL mit langer Querung, die Plattenstelle, die den Camelot nicht aufnehmen wollte, zurückklettern und überall Bäume und Büsche in der Wand, die mit Vorliebe abgezogene Seile auffangen und nicht wieder freigeben. „Komm schon, mobilisiere noch mal alles! Das geht schon und hier oben reden wir weiter!“, rufe ich noch mal verzweifelt runter. Als Konsequenz wird auch tatsächlich das Seil locker und Heni bewegt sich weiter aufwärts. Stück für Stück kämpft sie sich zum Stand. „Eine Seillängen im 5. Grad und wir haben etwas Schatten unter dem großen Dach. Dort pausieren wir etwas und überlegen dann, ob wir weiterklettern oder abseilen.“ Heni stimmt zu. Natürlich steht die Sonne so , dass es unter dem großen Dach keinen Quadratmillimeter Schatten gibt, und natürlich fällt es Heni nicht wesentlich leichter , diese Seillänge zu absolvieren. Nach den letzten verzweifelten Überredungsversuchen meinerseits („Nur noch 3 Längen!!!“) beginnt die Abseilfahrt durch den Glutofen der Parete San Paolo. Die zuletzt gekletterte Länge ist noch unproblematisch. Doch dann gilt: Alles, was man hingequert ist, muss man auch wieder zurückqueren. An der Prusik halb baumelnd halb kletternd erreiche ich einen Ringhaken und hänge eine Expressschlinge ein. Auf Höhe des Standes versuche ich das gleiche Manöver nochmals, mit dem Unterschied, dass der Weg durch einen dichten Busch versperrt ist. An diesem angekommen, hängt das Seil schon im 45 Gradwinkel und ich habe das Gefühl, jemand umklammert mich fest an der Hüfte. In unelegantester und auf nichts mehr rücksichtnehmender Art durchquere ich den Busch und hänge schnell meine Bandschlinge ein bevor es mich quer durch den Busch zurückzieht. So schon bin ich von oben bis unten zerkratzt. Heni ergeht es nicht viel besser. Sie muss ja noch die Schlingen aushängen. Beide ziehen und zerren wir, ich am unteren Ende des Seils, um sie durch den Busch in Richtung Stand zu manövrieren, sie an Fels und Busch und was sie sonst noch zu greifen bekommt. So langsam beginnen wir, uns mit unschönen Titeln anzureden und genügend Gründe zu finden, warum der andere Schuld an der Misere ist. Das Schlimmste an der gesamten Situation ist die Tatsache, dass die Sarca in Seh- und Hörweite gemütlich gen Gardasee fließt und die Sehnsucht nach ein wenig Erfrischung kaum noch auszuhalten ist. Aber weiter geht die Abseilfahrt bis zum schon öfters erwähnten Plateau. Dort, endlich mal im Schatten, beruhigen wir erst einmal die Gemüter und überlegen. „Wenn wir die SL nicht zurück klettern wollen, müssen wir ins Ungewisse gerade runter seilen. Leicht schräg versetzt müsste der vorherige Stand sein …“ Sehr unsicher bin ich mir in dieser Vermutung, habe aber auf der anderen Seite wenig Lust, die Querung, die meine Cams so gar nicht mag, zurück zu klettern. „Bestimmt! Mach das! Da kommt bestimmt ein Stand!“ Ich glaube bis heute nicht, dass diese Ermutigung auf der Abwägung von Fakten und dem daraus resultierenden Schluss basierte. Vielmehr scheint der Unwille zu queren bei Heni um ein Vielfaches ausgeprägter zu sein. Also seile ich ins Ungewisse hinab. „Hier sind Sanduhrschlingen einer anderen Tour!“, rufe ich Heni zu, „dann finden wir hier auch einen Stand!“ Tue ich auch wenige Meter darunter. Der erscheint mir ziemlich unbequem und so seile ich weiter ab in der Hoffnung, auf dem darunterliegenden Band den  ersten Stand unserer Route zu finden. Dies hieße dann nur noch eine Abseilfahrt. Und dem ist dann auch so.

Wenigstens das Bier ist kalt!

Wie geschlagene Ritter kommen wir in brütender Hitze auf dem Parkplatz direkt an der Sarca an. Mit uns eine weitere Seilschaft, die ebenfalls schlecht gelaunt und schimpfend von ihrer ebenso ätzenden Abseilfahrt in der Via Helena berichtet. Die gruppentherapeutische Möglichkeit des Erfahrungsaustauschs und der anschließende Sprung in die Sarca lassen die Enttäuschung etwas abklingen. Aber mir kommt da auch ein Gedanke. Wieder am Bully zurück zücke ich den Topo, welcher als Vorlage für meine Skizze diente, und beim ersten Blick kommt mir das Gespräch während des gestrigen Zeichnens wieder in den Sinn.
„Hier ist die Nachbartour eingezeichnet, die dort entlangläuft, willst du das nicht mit einzeichnen?“ „Ach Quatsch. Da müsste man schon sehr doof sein, um sich in die Nachbartour zu verirren.“ Offensichtlich waren wir sehr doof! Resultat des nicht mit skizzierten Routenverlaufs der Nachbartour war: eine „neue Seillänge“ mit einer ca. 10-Meter-Querung auf einer ungesicherten und kaum absicherbaren Platte und Onsight-Begehung der beiden Schlüsselseillängen der Elios im Grad 7+ und 7. Und hätten wir zu guter Letzt noch gewusst, dass die verbleibenden 3 Längen leichter gewesen wären als die, die auf unserer Skizze standen, wären wir vielleicht noch bis zum Gipfel geklettert und hätten eine brandneue Kombination „erschlossen“. So oder so beginnen wir laut zu lachen und freuen uns, mal wieder den „Rückzug im Ernstfall“ geprobt zu haben, auch wenn der letzte Klettertag ohne Durchstieg blieb.

Montag, 19. August 2013

Ohne Zweifel: Eifel!



Wunderbare Eifel




Köln ist vielleicht nicht gerade für seinen Felsreichtum bekannt. Trotzdem haben wir Kölner so etwas wie ein Heimatklettergebiet. Und damit meine ich nicht die Hohenzollernbrücke, die in den 90ern aus mir unerfindlichen Gründen zu einem ernstzunehmenden Kletterspot avancierte. Zweimal habe ich diesem Brückenpfeiler der bekannten den Rhein überspannenden Brücke die Chance gegeben mich von seinem Potenzial zu überzeugen. Erfolglos! Weder die Kletterei an „grobbehauenem Muschelkalk“, welche sich 2m weiter rechts nicht arg von 2m weiter links unterschied, noch die Tatsache, dass man für 5-10 Meter langweiliger Kletterei jedes Mal umständlich ein neues Top-Rope installieren musste, überzeugten mich. Die meisten Kletterer schien das zur Schau stellen ihres Crazy-seins geradezu zu beflügeln, aber mich törnten die Blicke von hunderten vorbei kommenden Passanten, die gezückten Kameras von staunenden japanischen Reisegruppen sowie der immer wieder gehörte und noch kein mal als witzig befundenen Spruch „Da drüben gibt es eine Treppe“ ganz schön ab. Noch nicht einmal die ernstgemeinte Bewunderung und Anerkennung von Passanten konnte mich  darüber hinwegtäuschen, dass die meisten Routen so leicht waren, dass  sie wohl jeder einigermaßen sportliche Tourist ebenfalls hätte erklimmen können, wenn wir ihm unsere Kletterschuhe geliehen hätten. Inzwischen  setze ich mich hin und wieder  gerne mit einem Bier an der Hohenzollernbrücke auf die Kaimauer und bestaune das illustre Treiben. Von TEVA-Sandale bis Buff-Kopftuch mit voller Outdoorbekleidung ausgerüstet, wird mit freiem Oberkörper geächzt, gestöhnt,  „Come on, Allez“ und „Fuck“ gebrüllt um die Aufmerksamkeit noch etwas mehr auf sich zu lenken. Jedes Mal freue ich mich, wenn meine erstaunten Blicke bemerkt werden und das Gestöhne, Geächze, sowie das „Come on, Allez“ und Fuck“ -Gebrülle noch lauter wird. Wenn man anderen eine Freude macht schmeckt ein kaltes Kölsch halt doch doppelt so gut.
Nein, die Hohenzollernbrücke meine ich nicht als Heimatgebiet. 

Heimatklettergebiet der Kölner
Eben so wenig wie den Kölner Dom. Auch wenn er im Stadtgebiet mit 157,38 Metern die höchste Erhebung darstellt und ich einmal ein Domfoto mit eingezeichneter Routenführung einer Mehrseillänge gesehen habe, bietet sich ob der drohenden Konseqenzen eines Ersteigungsversuches dieses Prachtbauwerk nicht als Kletterspot an. Aller Absurdität zum Trotz erreichten diese urbanen Kletterentwicklungen 2006 mit der Ausrichtung der ersten Buildering WM in Köln ihren Höhepunkt. Was die japanische Reisegruppe wohl bei dem Anblick einer fünfzigköpfigen Gruppe mit großen Matten auf dem Rücken, die mit dem öffentlichen Personennahverkehr Brücken und Denkmäler abfahren um mit lautem Gebrüll diese zu erklimmen, gedacht hat möchte ich mir gar nicht ausmalen.
 
Nein ich meine echten Fels in echter Natur. Und diesen findet man als Kölner in der Eifel. Sicherlich haben Mayener oder Nideggener sowie Gerolsteiner und wahrscheinlich sogar die Dürener mehr Anrecht darauf zu behaupten in der Eifel heimisch zu sein. Trotztdem würde ich schon ob der vielen dort verbrachten Tage, ob der großen Liebe zu Land und Leuten und natürlich ob der Kletterei, mich dort als so etwas wie ein Local bezeichnen.
Die Eifel verwöhnt uns mit den verschiedensten Gesteinsarten. Zum Bouldern und Klettern laden Sandstein sowie Sandsteinkonglomerat, Dolomit, Basalt und Vulkangestein namens Basanit ein. Diese bilden Überhänge und Platten, sowie Risse und Kanten. Eine internationale Bedeutung kann man der Eifelkletterei jedoch auch trotz der zahlreichen niederländischen Gäste kaum zusprechen. Vielmehr zeichnet wohl die geografische Beschaffenheit des kleinen Nachbarlandes dafür verantwortlich, dass man neben Eifler Platt und kölsch auch holländisch zu hören bekommt.
Kurzgesagt die Eifel ist einfach wunderbar. Und das nicht nur im eigentlichen Sinn, sondern auch im wortwörtlichen! Denn wer in der Eifel klettern geht ist mit so vielen Wunderlichkeiten konfrontiert, wie ich es von noch keinem sonstigen Klettergebiet gehört habe. Wie sonderbar so vieles ist, merke ich zugegebenermaßen immer erst dann, wenn ich fremden Kletterern von der Eifel erzähle.

 Heute verboten: Trichterkante im Rurtal
Das Klettern im Rurtal ist sicher nicht jedermanns Geschmack. Die einst von Wolfang Güllich(!) benutzte Umschreibungen „überhängender Kartoffelacker“ für das Gezerre an glatten Kieseln ist schon sehr treffend und die damit einhergehende Kletterei in nicht immer ganz festem Sandsteinkonglomerat ist mit Sicherheit um ein vielfaches gewöhnungsbedürftiger als jene in der fränkischen Schweiz. Trotzdem warten an unzähligen Türmen und Massivwänden jede Menge eindrucksvoller Routen auf potenzielle Wiederholer. Aber leider Gottes werden viele von ihnen noch sehr, sehr lange oder gar vergebens darauf warten. Denn schon Ende der 40er Jahre entbrannten die ersten Streits um Gebietssperrungen und bis in die heutige Zeit ist das Sperren und Öffnen einzelner Wände ein Politikum, zwischen Gemeinden, Bürgermeistern, Landräten und Naturschutzverbänden auf der einen Seite und DAV und IG-Klettern auf der anderen Seite. Wer jetzt meint, dass es doch nur löblich sei, in der Eifel noch auf so viel Respekt vor der Natur zu stoßen, dem sei in Erinnerung gerückt, dass der größte Stolz der Region Eifel wohl der Nürburgring ist.

 
Senkrechter Kartoffelacker? Nein Klettergeschichte: Die Kühlenbuschtraverse 7c (damals 10-)
Eine gravierende Folge dieser Sperrung ist, dass ein wesentlicher Teil der Geschichte des Kletterns in der Region nicht weiterleben kann. Historisch bedeutende Nadeln dürfen nicht mehr beklettert werden, viele Routen die in der Schwierigkeitsentwicklung  eine wichtige Rolle gespielt haben sind nicht mehr wiederholbar. Eine Weiterentwicklung existiert kaum noch oder nur geheim und illegal. Ein Beispiel ist die Kühlenbuschquerung, die ersten Klettermeter in der Eifel im zehnten Schwierigkeitsgrad. Es handelt sich um eine überhängende Traverse an kleinen Leistchen und Slopern. Sie befindet sich an einem Quaken mitten im Wald. Weder zu schützende Vogelbrut findet dort statt, noch sind irgendwelche seltenen Farne und Flechten zu finden. Lediglich die Siedlung der schützenswerten besseren Gesellschaft ist auf dem Weg zu diesem traumhaften Spot zu durchqueren. Da ein Mensch mit Matte auf dem Rücken anzunehmender Weise eine Menge kriminelle Energie besitzt, bleibt das Gebiet besser gesperrt und die Siedlung frei von Mattenträgern.

Um die erste „echte Nach-oben-klettern-Zehnminus“ auch vor unzulässigem Beklettern zu schützen, haben die dort ansässigen Nideggener kurzerhand zur Flex gegriffen. Das Abflexen unliebsamer Kletterhaken ist sicherlich eine über  die Eifel hinaus bekannte Praktik.  Um aber ihrem wunderbarem Ruf gerecht zu werden, wurden die Haken des „Zöllibats“ sowie anderer bedeutender Routen lediglich an der oberen Seite durchgeflext. Wer es nun also wagen würde, unerlaubt zu klettern, wird seine gerechte Strafe bekommen. Und was die Strafe ist, wenn der nicht als defekt erkennbare Haken im Sturzfall ausbricht, kann  sich wohl jeder ausmalen. 
Eine Zeit fern von Sperrungen und Eintritt.

Nun schon seit langer Zeit ist der Status quo, dass einige wenige Wände freigegeben sind. Insgesamt sind es wohl nicht einmal 10% der vorhandenen Routen. Um aber nun an diesen wenigen Wänden Klettern zu dürfen, muss man „Eintritt“ bezahlen. Was mir selber oft nicht mehr bewusst ist, wie sonderbar es für einen nichteifler Kletterer klingen muss, dass man für das Klettern an Felsen Eintritt bezahlen muss. Offiziell dient diese Praktik der Kontingentierung der Kletterlaubnisse. Denn mehr als 100 Personen dürfen nicht an einem Tag im Rurtal klettern. Dass diese Marke schon seit Jahren nicht mehr erreicht wurde, nicht zuletzt, weil jeder Kletterer das geringe freigegebene Potenzial eh schon längst abgegrast hat, ändert an dieser Regelung nichts. Ganz im Gegenteil wurde es doch langsam Zeit den Eintritt von 2,50 Euro auf fünf zu verdoppeln. „Zur Pflege des Klettergebietes“ wird das Geld verwendet, so heißt es von Seiten der Stadt Nideggen. Das ändert weder etwas daran, dass in den meisten Routen total verrostete Ringe baumeln, noch  dass Kletterer hier und da schon einmal einen Umlenkhaken plötzlich in der Hand halten. Aber glücklicherweise wurde in Schilder investiert die den gebietsunkundigen Klettertouristen informieren, wen er im Falle des ausgebrochenHakens oder sonstigen Unglücken anzurufen und zu welchem Fels er die Retter zu bestellen haben. Dass aber insgeheim doch noch vom internationalen Kletterbesuch geträumt wird, beweist die gleich in drei Sprachen übersetzte Handlungsanweisung. In eine korrekte englische und französische Übersetzung wurden die Gelder, die für ein bisschen Kletterspaß kassiert werden jedoch nicht investiert. „Vous etes Hinkelstein 3“ und „Select the number 112“ klingen eher nach dem Werk der Dorfschullehrerin.

Wo es Regeln gibt, muss es natürlich auch Kontrollen geben, ob diese auch befolgt werden. Und auch das kostet natürlich. So gibt es zwei Kontrolleure, die den Besitz des an der Tankstelle Nideggen erworbenen Klettertickets, sowie die Bekletterung der richtigen, also freigegebenen Wände überprüfen. Ehrenamt mit kleiner Aufwandsentschädigung, so war meine Vermutung für diese Tätigkeit. Die beiden älteren Herren, erfüllten ihre Pflicht jedenfalls mit entsprechender Überzeugung und Bissigkeit. Doch zuletzt stolpere ich tatsächlich über eine Anzeige der Stadt, wo eine Stelle als Kletterwart als Minijob ausgeschrieben war welche nach TVöD Entgetgruppe 3 entlohnt werden sollte. Auf meine per E-Mail eingereichte Anregung, den Posten eines Kletterwarts mit einer Person mit Kletterkenntnissen zu besetzen, welche sich auch um die „Pflege des Klettegebietes“ sprich um die längst überfällige Sanierung der Haken kümmern könnte, bekam ich von der Stadt Nideggen leider noch nicht einmal eine Antwort. Bleibt anzunehmen, dass die Eintrittsgelder für erstrittene lebenslange Renten von verunfallten Kletterern nach Hakenausbruch gespart wird.
Zuletzt waren Freunde von mir an einem sonnigen Wintertag an erwähntem Sandsteinquaken im tiefen Nideggener Wald. Drei Erwachsene und ein Kleinkind genossen die herrliche, frische und klare Luft. Und weil man schon mal da war, probierte man natürlich auch mal die Züge der so bekannten wie auch schönen Traverse aus. Ob es Anwohner waren die mit Argusaugen Matten auf dem Rücken der jungen Leute erspäht hatten und folgerichtig zum Telefonhörer griffen oder aber Zufall, mag ich nicht beurteilen. Jedenfalls hielten sie sich dort noch nicht lange auf als schon der „Wadenbeißer“  von den Kontrolleuren mit gezücktem Handy dastand und 110 „selectete“. Die jungen Eltern mit einem Bündel Kleinkind unter dem Arm in die eine Richtung und der junge Mann, der unerkannt bleiben möchte mit Klettermatte auf dem Buckel in die andere Richtung begann die wilde Flucht vor der Nordeifler Auffassung von Recht und Ordnung. Als alle ihre an unterschiedlichen Stellen geparkten Autos erreicht hatten und den „Tatort“ verließen, durchkämmten schon mehrere Streifenwagen die Umgebung. 

Ein anderes Mal war ich mit einem Kumpel und einem rechtmäßig erworbenen Kletterticket am dritten Hinkelstein klettern. Eine weitere Seilschaft tauchte auf und begann zu klettern. Man kam ins Gespräch und tauschte sich aus. Es wurde ein richtig netter Klettertag. Bis plötzlich ein weißer Nobelgeländewagen den nicht allzu breiten Wanderweg herunterkam. Einer der Jungs war gerade dabei einen 9er aus zu bouldern. Als er den Wagen sah schrie er fast schon panisch „Lass mich runter!“, was sein Partner auch gleich  tat. „Schneller!“ Mit vielen Jahren Sicherungserfahrung hielt ich diese Anweisung für nicht sonderlich ratsam, denn es war sicherlich schon die Ablassmaximalgeschwindigkeit erreicht. Als er nun den Boden erreicht hatte begannen sich beide von ihrem jeweiligen Ende des Seils zu befreien und loszulaufen. 100 Meter ging es den Wanderweg runter und dann schließlich in den Wald. „Die haben wohl kein Ticket“, sag ich zu meinem Kumpel, da steht schon der Wadenbeißer neben uns. „Tickets“, man könnte meinen, dass vor seiner Pensionierung die Kölner Verkehrsbetriebe sein Arbeitgeber waren. Wir zeigen unsere Tickets vor. „Sind hier noch mehr Leute am Klettern?“ „Nein“, behaupten wir. Wem gehört dann das Seil, das da hängt?“ „Uns.“ „Und die zwei Rucksäcke?“ „Wir sind mit viel Gepäck hier!“ Der Wadenbeißer glaubt uns kein Wort und eine Befragung die Börne und Thiel alle Ehre gemacht hätten beginnt und endet für ihn erfolglos. Als er weg war, klettern wir noch mindestens ein halbes Stündchen, bis die beiden Schwarzkletterer wieder auftauchen um ihre Sachen einzusammeln. Ob sie ihre wertvolle Ausrüstung unter anderen Umständen geopfert hätten vergesse ich leider zu fragen, aber wir zollen den beiden eine gehörige Portion Respekt für Rebellentum und eine mehr als filmreife  Flucht.
No comment!

So ist das Klettern in der Eifel. Wunderbar! Aufregend anders, immer wieder ein Erlebnis. Und wenn die Verantwortlichen sich endlich dazu durchringen könnten die Bestimmungen und Reglementierungen auf ein Vernünftiges Maß zu reduzieren, wäre die Nordeifel wieder ein wunderbares Ziel mit viel Potenzial für alle Kletterer der Region.

Ohne Zweifel: Eifel!


Ergänzung:

Man muss feststellen, dass die Bergwacht Nideggen begonnen hat Umlenker in einigen Routen auszutauschen. Es tut sich also erfreulicherweise etwas. Dementsprechend bleibt zu hoffen, dass das Rurtal sich im Laufe der Zeit wieder in ein lebendiges Klettergebiet entwickelt, Sperrungen aufgehoben werden und alte, rostige Haken ersetzt werden. 

Weitere Links zum Klettern in der Eifel:

http://www.stonevibes.de/ 

http://www.klettern-im-rurtal.de/ 

 

Samstag, 29. Juni 2013

Coming out




Ich mag Fußball- und das ist gut so!







































Ich bin in einer Kleinstadt in der Nähe von Bonn aufgewachsen. Auch wenn das beschauliche Meckenheim namentlich zur „Voreifel“ gehört, waren die Berge sowie auch jeglicher Bergsport sowohl geografisch, als auch in unserer Wahrnehmung weit, weit entfernt. Die Zeit der Kletterhallen war noch nicht angebrochen und wenn sie es wäre, wäre bestimmt kein halbwegs geschäftstüchtiger Kletterhallenbetreiber in spe auf die Idee gekommen sein Geld in Meckenheim zu begraben. Dementsprechend steckten wir, bzw. unsere Eltern, unsere sportlichen Ambitionen in gängige Vereinssportarten. Als ein missglücktes Jahr an der Blockflöte meiner Eltern letzte Hoffnung schürten, meine Talente in sportlichen Disziplinen zu finden, wurde ich im zarten Alter von sechs Jahren kurzerhand zum Nachwuchs- Beckenbauer gemacht. 


Bergsport als Ausgleich zum Kicken
Meine Trainerin war eine massige, rotgelockte Kante, die mit einem riesigen Schlüsselbund und einer mehr als ruppigen Art mehr Autorität ausstrahlte, als alle bis dato mit meiner  Erziehung beauftragten Menschen zusammen. Wahrscheinlich sogar mehr als Rocky, Rambo und meine Flötenlehrerin gemeinsam. Frau Friedenstab, wie sie unpassender Weise hieß, verzweifelte anfangs an meinem sehr unausgegorenen Regelverständnis.  So erschien es mir doch wesentlich leichter und effektiver den Ball vor dem Sturm durch die gegnerischen Reihen unter den Arm zu klemmen, damit er mir nicht wie schon so häufig direkt wieder abgenommen wird. Ebenso fand ich es für einen überschwänglichen Torjubel unerheblich, dass ich nach vielen Wochen harter Arbeit mein erstes Tor auf der falschen Seite einköpfte. Trotz aller Schwierigkeiten im Training kam endlich die Chance zu zeigen, was in mir steckt. Ich lief auf im Dress des SV Rot-Weiß-Merl. 

Das gesamte Outfit war noch recht improvisiert, und so spielte ich zwar in einer weißen Hose, welche aber nicht die eigentliche Bestimmung hatte Sportler zu bekleiden. Es handelte sich vielmehr um eine normale kurze weiße Hose. Im Gegensatz zu einer echten Fußballshorts brachte sie mir den Vorteil, dass ich, wie ich es gewöhnt war, meine Hände tief in den Hosentaschen vergraben konnte, was, so glaube ich, auf den Betrachter und somit auch auf Frau Friedenstab, wenig engagiert wirkte. Da offensichtlich alle außer mir wussten, wohin sie zu laufen und was sie tun hatten, blieb ich regungslos mit den vergrabenen Händen an einem Platz stehen. Das ich bei meinem Debut offensichtlich nicht den besten Eindruck hinterlassen habe, wurde mir klar, als meine Mutter die Hosentaschen meiner provisorischen Rot-Weiß-Merl-Hose zunähte. 

Hände an den Bund- nicht in die Taschen
Trotzdem hielt meine Trainerin an mir fest, und im Laufe der Zeit wurde ich ein leidenschaftlich kickendes Kind, welches sich keine Sportschau entgehen ließ, Panini- Bilder sammelte und natürlich schon einen Lieblingsverein hatte. Rückblickend würde ich vermuten, dass die mit meinem Club identischen Vereinsfarben rot und weiß ausschlaggebend für die Wahl waren, da mir als Kind weder die räumliche Nähe bewusst war, noch meine später aufflammende Leidenschaft für die gesamte Stadt Köln absehbar gewesen wäre.

Auch wenn ich meine Vereinskarriere zugunsten von diverse anderen Sportarten wie Judo, Basketball, Tischtennis und Tennis im Jugendalter aufgab, so kickte man eigentlich doch immer. Ob auf dem Garagenhof mit den Nachbarskinder, auf dem Schulhof in der Pause, ob in der Bolzplatzliga als der (politisch motivierte) S.I.F.F. Linksaußen gegen die Bolzercrew, es gab eigentlich immer die Möglichkeit ein bisschen Fußball zu spielen. Erst mit dem Umzug in die große Stadt Köln wurden die Gelegenheiten weniger bis ich gar nicht mehr spielte. 

Aus Mangel an sportlicher Aktivität ließ ich mich von Kumpels zu einem Kletterhallenbesuch überreden und eine neue Leidenschaft wurde geboren. Aus regelmäßigem Feierabendsport wurde schnell ein Lebensinhalt. Aus einmal wöchentlich Hallenklettern wurde schnell „An den Fels, wann immer es geht“. Und was früher der Sportteil der Zeitung war, waren nun Magazine wie „Rotpunkt“ und später „Klettern“. Was früher die Sportschau war, war nun meine stetig wachsende Sammlung  an Filmen wie „Masters of Stone“, „The real thing“ und „Dosage“. Und da Klettern so aufregend und neu, so abenteuerlich und anders war, fehlte es auch nicht an den alten Sportarten. 

Dass Fußball in Klettererkreisen keinen hohen Stellenwert hatte war schnell zu bemerken. Der gute Kletterer verachtet Fußball als Inbegriff  von Spießigkeit, als Symbol gesellschaftlicher Konformität, als sportliche Weiterführung eines christdemokratischen Konservativismus. Fußball zwängt in Regeln, Fußball beschneidet die Freiheit und Fußballer sind dumm. „Wenn klettern einfach wäre, würde es Fußball heißen!“ 

Ist das so?
Ich war jung, ich brauchte den Sport. Mir wurde klar, dass ich über die Irrwege meiner jungen Jahre, über die düsteren Abgründe meiner sportlichen Entwicklung, über meine erzkonservative Bewegungsvergangenheit im Kreise meiner neuen Mitsportler besser schweigen würde. Zumal es sehr angesagt war auf die Frage wie man zum Klettern kam sich mit der Antwort zu brüsten: „Weil ich nicht Fußball spielen kann!“. Zuletzt habe ich noch in einer Umfrage gelesen: Sätze die ein Kletterer niemals sagen würde- Ich mag Fußball.

Klettern ist mehr. Klettern ist Freiheit. Keine Regeln, keine Zwänge, keine Wettkämpfe, kein Sport im eigentlichen Sinne. Nein, Klettern ist eine Lebenseinstellung!  Und wehe dem, der sich mit den profanen Allerweltssportarten abgibt.
Doch auch der Klettersport befindet sich im Wandel. Die Zeiten, als diese Tätigkeit lediglich im Dreck und von trockenem Brot lebenden Hippies vorbehalten war ist vorbei. Ob leider oder zum Glück, mag jeder selbst beurteilen, aber heute ist auch Klettern ein Breitensport. Ein sportliches Messen hat von jeher stattgefunden ob im Klettern von möglichst schweren Routen oder im Wettbewerbsklettern. Auch ein nicht festgeschriebenes Regelwerk über ethisch einwandfreie Begehungen à la Rotpunkt, Onsight und Flash gibt es nicht erst seit gestern. Wenn man erzählt, dass man klettert lässt das heute kaum noch jemanden staunen. In Fontainebleau läuft man plötzlich dem Chef mit Crashpad und E9-Hose über den Weg und auf der Stripsenjochhütte trifft man die Nachbarin nach erfolgreicher Besteigung des Totenkirchls.

Kletterhallen erlauben es konzentriert und zielgerichtet zu trainieren. Und auch der Hobbykletterer ist in dieser Beziehung meist engagiert und weiß schon eine Menge über Methoden.  Und dazu gehört auch das Wissen um die Sinnigkeit von Ausgleichssport. Und trotzdem wird bei dieser Thematik ein weiter Bogen um vermeintlich „normale“ Sportarten gemacht. Und an dieser Stelle möchte ich mich Outen:
Ich mag, nein, ich liebe Fußball! 


Fällt etwas auf?
Auch ich habe schon eine Menge Sportarten nebenher betrieben. Denn bei aller Liebe zum Klettern, wird auch dieses hin und wieder langweilig. Insbesondere wenn man nicht im Gebirge lebt und einem dem zur Folge nur einige mittelprächtige Felswände zur Verfügung stehen, die man im Laufe der Jahre schon zigtausendfach beklettert hat, oder alternativ der Besuch der Kletterhalle bleibt, wo das Klettern dann und wann zur leidigen Trainingspflichtübung verkommt sehnt man sich danach gelegentlich  auf andere Art und Weise ins Schwitzen zu kommen. Aufgrund der von der Szene stark reglementierten Auswahl an Zweitsportarten gehen die meisten (und so auch ich lange Zeit) einfach joggen. Das ist unverfänglich, geht schnell und kostet nicht viel. Dafür ist es bei Zeiten auch ganz schön dröge und es fällt nicht immer leicht sich zu motivieren. Ebenfalls legitim sind andere „Extremsportarten“. So habe ich beispielsweise mit dem MTB fahren angefangen. Und auch hierfür habe ich schnell Feuer gefangen. Dies hatte jedoch den Nachteil, dass man an den rar gesäten freien Tage an denen auch das Wetter mitspielt überlegen musste, ob nun Biken oder Klettern Vorrang hat. Und da die Liebe insbesondere zu steilen, sturzanfälligen Abfahrten, sowie zu immer höher werden Sprüngen und Drops entfacht war, hatte sich der Wunsch nach einer etwas weniger Moral erfordernden Tätigkeit auch erledigt. 
  
Auch wenn eine solche Aussage unpopulär ist. Fußball ist der ideale Ausgleich zum Klettern. Es füllt all die Trainingslücken, die beim Klettern offen bleiben.
Das ich beim Klettern auch bei guter Fußarbeit mehr die Arme als die Beine beanspruche und es beim Fußball, Nomen est Omen, genau umgekehrt ist, liegtauf der Hand. Dass jedoch eine gute Kraftausdauer benötigt wird vereint die beiden Disziplinen wiederum. Des Weiteren ist Klettern ein Sport, bei dem ich agiere. Der Fels ist in der Regel unbeweglich, ich plane meine Bewegungen voraus und setze sie um. Ausgenommen das Bouldern und Speedklettern ist der Klettersport zudem ausgesprochen langsam. Fußball ist diesbezüglich das genaue Gegenteil. Das Spiel basiert auf Schnelligkeit und Reaktion, Fähigkeiten also, die ich beim Klettern total vernachlässige. 

So geht´s auch: Fuppes und Parkour

Aber gerade vom organisatorischen ergänzt eine gelegentliche Kickrunde den Trainingsalltag des Vertikalisten perfekt. Dieses Frühjahr beispielsweise war verregnet wie selten.  Der Trainingswinter in der Halle wurde länger und länger. Und die Sehnsucht nach draußen wurde größer und größer. Während der Regen ein Klettern in der Eifel absolut unmöglich machte, schadete er so mancher Schlammschlacht auf dem Bolzplatz gar nicht. Ganz im Gegenteil, war der Platz immer in perfekter weicher Kondition und das Spielen im Nieselregen machte die Sache nur noch lustiger. Der Zeitaufwand ist im Gegensatz zum Klettern oder Biken gering. Während man für ein bisschen Felsspaß oder eine MTB-Tour meist eine lange Autofahrt und mehrere Stunden  Aufenthalt einplanen muss, ist man nach eineinhalb Stunden auf dem um die Ecke liegenden Bolzer total platt und hat eine Menge Spaß gehabt. 

Aber vielleicht ist es auch gut, dass es so ist, wie es ist. Denn in Zeiten, in denen man mit seinem Klettererdasein niemanden mehr beeindrucken kann, in denen das Emporsteigen an Felswänden weder mit Heldentum noch mit Rebellion, geschweige denn mit der großen Freiheit assoziiert wird, kann man sich als fußballmögender Kletterer geradezu als Querdenken fühlen. Neue Denkweisen taten sich im Alpinismus immer schon schwer. Den siebten Grad wollte auch keiner wahrhaben. Ich jedenfalls werde demnächst beim Klettern im Wetterstein meine FC-Köln- Stutzen und die Fußballshorts tragen, wie einst die 68er-Jugend Che Guevara T-Shirts und mich dabei frei und rebellisch fühlen.