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Donnerstag, 5. September 2013

Der schwerste 6. Grad...



...oder ungewollte Neuerschließung

Schweigend sitzen wir in der offenen Hecktüre des Bullys und mummeln unser Frühstücksbrötchen in uns hinein. Es ist kurz nach sechs Uhr morgens. So früh steht man nun wirklich nicht an einem Urlaubstag auf. Doch gestern ist es schon so unerwartet heiß geworden, dass wir in der Wand beinahe verbrannt wären. Schultern und Beine zeigen  deutlich rote Spuren des intensiven Sonnenbades. Also wurde heute der Wecker noch eine Stunde früher gestellt. Vielleicht sind wir ja, wenn es richtig heiß wird, schon oben. 8 Seillängen bis zum glatten 6. Grad sollen uns 250 Meter die Parete San Paolo hinaufführen. Selene heißt dann die ganze Unternehmung. Die Göttin des Mondes. Passt zumindest zur Uhrzeit.

 
So richtig hat keiner Lust zu reden. Die Euphorie ist im Laufe der Tage einer gewissen Routine gewichen. Aufstehen, frühstücken, klettern, absteigen, relaxen. Auch sind wir nach diversen Klettertagen und großer Hitze schon ganz schön fertig. Trotzdem sollte es heute die „Selene“ noch mal sein. Hat es doch vorgestern schon wegen akutem Kräftemangel zum Abbruch nach der ersten Seillänge und einem eingeschobenen Pausentag geführt.
Eine halbe Stunde später finde ich mich am ersten Stand wieder. Auch Heni scheint im Nachstieg gut voranzukommen. Mein Blick wandert über die Bergketten und ich beobachte, wie sich die ersten Sonnenstrahlen über den Monte Stivo kämpfen. „Lass dir ruhig Zeit“, flehe ich die Sonne gedanklich an. Doch am 2. Stand brennt sie schon wieder unerbittlich auf unserer Haut. Dafür läuft die Kletterei gut. Heni erreicht mich und wir werfen gemeinsam einen Blick auf den gestern liebevoll von mir abgezeichneten Routentopo. Ein bisschen nach links queren und dann über einen kleinen Überhang, so stellt sich die Skizze dar. Also klettere ich los. Eine Sanduhrschlinge führt zu einem Ringhaken. Von dort sehe ich weit entfernt links über mir einen Überhang. Da muss es sein. Also quere ich weiter. Inzwischen ca. 5 Meter links vom letzten Ring sehe ich trotz der bislang akzeptablen Absicherung weder einen Haken noch einen offensichtlichen Ort, der eine mobile Sicherung beherbergen würde. Die zu überwindende Platte wird griff- und trittärmer. Doch noch mal einige Meter weiter links entdecke ich ein kleines Plateau und nach einem untersuchenden Blick auch zwei Standhaken. Laut Topo sollte dort zwar gar keiner sein, doch in Anbetracht des sonst entstehenden Seilverlaufs war es auch wiederum gut, dass dort noch ein Zwischenstand eingerichtet worden war. Eine runde, offene und wenig tiefe Einfurchung durch die Platte schluckt glücklicherweise meinen 2er-Camelot. Nicht nur an mich, sondern auch an die nachsteigende Heni denkend empfinde ich das zu absolvierende Manöver vom Ring zum Stand zu gelangen als halsbrecherische Aktion. Leider spuckt die Wand meinen Lieblingscam bei meiner ersten Bewegung wieder aus. Dieses altbekannte Gefühl steigt in mir auf. Jenes, welches immer wieder im Laufe eines Kletterlebens die Frage auf wirft: Was mache ich hier? Warum sitze ich nicht am Gardasee oder in einem Eiscafé?
Beim zweiten Mal wird mein Cam geduldet. Dass er im Sturzfall an Ort und Stelle bleibt, glaube ich in diesem Moment schon, aber nur, weil ich es glauben möchte, und rette mich mit hektischen Bewegungen auf das Plateau. Ich hoffe, dass Heni jetzt ebensoviel Glauben aufbringen wird, und fordere sie zum Nachkommen auf. Auch sie kommt mit kleineren mentalen Verschleißerscheinungen am Stand an. Erneut wird meine Toposkizze begutachtet und diskutiert. Beide sind wir uns einig, dass dieser Stand eine sehr vernünftige Sache ist. Wie wäre doch die Seilreibung gewesen, wäre man direkt weitergeklettert? Und überhaupt bieten sich doch diese Quadratmeter, zudem im Schatten gelegen, für diesen Zweck an.
 
Und von diesem Punkt konnte man nun das erste Highlight der Route angehen. Der erste von „vielen Überhängen, die infolge ihrer Gutgriffigkeit relativ leicht zu übersteigen sind“, so stand es geschrieben. Im 6. Grad befindet sich diese Passage und voller Vorfreude steige ich ihr entgegen. Die 3 Meter überhängender Fels sind von einem Riss durchzogen, welcher offensichtlich auch die darüber liegende Wand teilt. Ich klettere die ersten Meter an. Gute Griffe finde ich nicht. Vielmehr bleibt erst einmal nur, den Riss zu piazzen. „Darüber wird schon eine Kelle kommen“, denke ich, aber sie kommt nicht und während meine Arme dicker werden, klettere ich bis zum letzten No-Hand-Rest vor dem Überhang ab. „Ich bin ja auch schon platt, zudem schmieren die Griffe in der prallen Sonne. Wirst dir doch jetzt nicht den Onsight nehmen lassen. In einer 6er-Seillänge!“ Also noch mal. Die Züge gehen schon etwas besser, aber die Suche nach der relativen Gutgriffigkeit bleibt wieder ergebnislos. Und noch mal, und wieder ab zum No-Hand. Und noch mal und noch mal. „Das muss doch gehen!“ Die Versuche werden schon etwas ungeduldiger und wütender und schließlich stehe ich wieder am Ende des Überhangs in Piaz-Stellung und gebe die Suche nach der Kelle auf. Stattdessen stelle ich, krampfhaft das Öffnen der Tür verhindernd, pumpend und keuchend, „Jetzt aufpassen“ rufend, den linken Fuß auf Reibung, den rechten in den Riss, den linken nochmals hoch und stemme mich weiterhin mit aller Spannung in die Gegendruckposition. Inzwischen liegt die letzte Sicherung weit unter mir und das Einhängen der leicht angegammelten Seilschlinge würde nochmals ein extrem wackeliges Unterfangen werden. Mit Armen dick wie Betonpfeiler und einer ordentlich angeschlagenen Psyche würge ich das Seil in die Expressschlinge und atme auf. Auch auf dem Weg zum Stand vermisse ich die relative Gutgriffigkeit, aber der ernsthaften Gefahr entronnen, lassen sich die übrigen Meter auch noch absolvieren.

„Immer tüchtig in die Schlingen greifen“, lautet mein wohlwollender Rat an Heni, in der Sorge, dass sie als bekennender Nichtfan von Überhängen dort auch ihre liebe Not haben wird. Wie eine halbe Ewigkeit kommt es mir vor, die Heni benötigt, um die Länge begleitet von einigen Unmutsäußerungen zu absolvieren.
Ich nutze die Zeit, die nächste Länge zu mustern. Und um mir die Gefährlichkeit des weiteren Abstands zur ersten Sicherung gründlich einzureden. Zudem tauchen wieder kleinere Ungereimtheiten zwischen Skizze und Realität auf. Ob der Topo schlecht ist oder ich schlecht abgezeichnet habe, mag ich in dem Moment nicht beurteilen, aber es ist wie üblich anzunehmen, dass die Schuld nicht bei mir liegt. Wie dem auch sei –die namensgebende mondsichelförmige Verschneidung geht nicht senkrecht über dem Stand los. Vielmehr gilt es, vorweg ca. 15 Meter Querung zu absolvieren, bis ich eine, wenn auch kurze und nicht gebogenen, Verschneidung ausmachen kann. Als Heni offensichtlich auch etwas von der Kletterei mitgenommen bei mir auftaucht, informiere ich sie kurz über die Ungereimtheiten und klettere dann los. Mit der entsprechenden psychologischen Vorarbeit  im Gepäck klettere ich zittrig die erste Seilschlinge 4 Meter über meinem Kopf an. Die Platte ist von der Sonne schmierig. Eine traumhafte Querung folgt. Es geht unter einer goldgelben, versinterten Wandzone her und nach einigen Metern steige ich in Richtung Verschneidung an. Dort angekommen sind meine Arme wieder ziemlich dick und ich schüttele die restlichen Meter bis zum Stand fast an jedem Griff sekundenlang meine Arme aus.


Heni kommt nach. Die „Mach mal zu“-Frequenz steigt deutlich an. Da ich nun in der prallen Sonne stehe, meine Füße in den Kletterschuhen auf das doppelte angeschwollen sind und nun der Platz im Inneren nicht mehr auszureichen scheint, weil meine gestern noch leicht geröteten Schienenbeine  sich im Zeitraffer von Lachs- zu Krebsrot verfärben und weil ich überhaupt einen großen Drang verspüre, bald anzukommen, bete ich mantraartig: „Komm schon, mach schon, das bekommst du schon hin!“, vor mich hin.

„Ich komme hier nicht weiter. Hier geht gar nichts mehr!“, reißt mich jäh aus meinem Gebet. Heni hängt in der Verschneidung. Immer und immer wieder probiert sie, die Stelle zu lösen, doch es lässt sich kein Millimeter mehr Seil einholen. „Geif ins Pärchen! Häng dir ’ne Schlinge als Tritt ein! Lass ruhig alles hängen!“, sind meine Empfehlungen. Doch immer wieder kommt: „Geht auch nicht!“ als Antwort. 4 SL trennen uns nur noch vom Gipfel und einem bequemen Spaziergang ins Tal. Zugegebenermaßen keine sonderlich leichten, wenn man dem Topo glauben darf, aber alles absehbar. Mit Grausen denke ich jedoch an eine mögliche Abseilfahrt und die damit verbundenen Ungewissheiten und Strapazen. Eine SL mit langer Querung, die Plattenstelle, die den Camelot nicht aufnehmen wollte, zurückklettern und überall Bäume und Büsche in der Wand, die mit Vorliebe abgezogene Seile auffangen und nicht wieder freigeben. „Komm schon, mobilisiere noch mal alles! Das geht schon und hier oben reden wir weiter!“, rufe ich noch mal verzweifelt runter. Als Konsequenz wird auch tatsächlich das Seil locker und Heni bewegt sich weiter aufwärts. Stück für Stück kämpft sie sich zum Stand. „Eine Seillängen im 5. Grad und wir haben etwas Schatten unter dem großen Dach. Dort pausieren wir etwas und überlegen dann, ob wir weiterklettern oder abseilen.“ Heni stimmt zu. Natürlich steht die Sonne so , dass es unter dem großen Dach keinen Quadratmillimeter Schatten gibt, und natürlich fällt es Heni nicht wesentlich leichter , diese Seillänge zu absolvieren. Nach den letzten verzweifelten Überredungsversuchen meinerseits („Nur noch 3 Längen!!!“) beginnt die Abseilfahrt durch den Glutofen der Parete San Paolo. Die zuletzt gekletterte Länge ist noch unproblematisch. Doch dann gilt: Alles, was man hingequert ist, muss man auch wieder zurückqueren. An der Prusik halb baumelnd halb kletternd erreiche ich einen Ringhaken und hänge eine Expressschlinge ein. Auf Höhe des Standes versuche ich das gleiche Manöver nochmals, mit dem Unterschied, dass der Weg durch einen dichten Busch versperrt ist. An diesem angekommen, hängt das Seil schon im 45 Gradwinkel und ich habe das Gefühl, jemand umklammert mich fest an der Hüfte. In unelegantester und auf nichts mehr rücksichtnehmender Art durchquere ich den Busch und hänge schnell meine Bandschlinge ein bevor es mich quer durch den Busch zurückzieht. So schon bin ich von oben bis unten zerkratzt. Heni ergeht es nicht viel besser. Sie muss ja noch die Schlingen aushängen. Beide ziehen und zerren wir, ich am unteren Ende des Seils, um sie durch den Busch in Richtung Stand zu manövrieren, sie an Fels und Busch und was sie sonst noch zu greifen bekommt. So langsam beginnen wir, uns mit unschönen Titeln anzureden und genügend Gründe zu finden, warum der andere Schuld an der Misere ist. Das Schlimmste an der gesamten Situation ist die Tatsache, dass die Sarca in Seh- und Hörweite gemütlich gen Gardasee fließt und die Sehnsucht nach ein wenig Erfrischung kaum noch auszuhalten ist. Aber weiter geht die Abseilfahrt bis zum schon öfters erwähnten Plateau. Dort, endlich mal im Schatten, beruhigen wir erst einmal die Gemüter und überlegen. „Wenn wir die SL nicht zurück klettern wollen, müssen wir ins Ungewisse gerade runter seilen. Leicht schräg versetzt müsste der vorherige Stand sein …“ Sehr unsicher bin ich mir in dieser Vermutung, habe aber auf der anderen Seite wenig Lust, die Querung, die meine Cams so gar nicht mag, zurück zu klettern. „Bestimmt! Mach das! Da kommt bestimmt ein Stand!“ Ich glaube bis heute nicht, dass diese Ermutigung auf der Abwägung von Fakten und dem daraus resultierenden Schluss basierte. Vielmehr scheint der Unwille zu queren bei Heni um ein Vielfaches ausgeprägter zu sein. Also seile ich ins Ungewisse hinab. „Hier sind Sanduhrschlingen einer anderen Tour!“, rufe ich Heni zu, „dann finden wir hier auch einen Stand!“ Tue ich auch wenige Meter darunter. Der erscheint mir ziemlich unbequem und so seile ich weiter ab in der Hoffnung, auf dem darunterliegenden Band den  ersten Stand unserer Route zu finden. Dies hieße dann nur noch eine Abseilfahrt. Und dem ist dann auch so.

Wenigstens das Bier ist kalt!

Wie geschlagene Ritter kommen wir in brütender Hitze auf dem Parkplatz direkt an der Sarca an. Mit uns eine weitere Seilschaft, die ebenfalls schlecht gelaunt und schimpfend von ihrer ebenso ätzenden Abseilfahrt in der Via Helena berichtet. Die gruppentherapeutische Möglichkeit des Erfahrungsaustauschs und der anschließende Sprung in die Sarca lassen die Enttäuschung etwas abklingen. Aber mir kommt da auch ein Gedanke. Wieder am Bully zurück zücke ich den Topo, welcher als Vorlage für meine Skizze diente, und beim ersten Blick kommt mir das Gespräch während des gestrigen Zeichnens wieder in den Sinn.
„Hier ist die Nachbartour eingezeichnet, die dort entlangläuft, willst du das nicht mit einzeichnen?“ „Ach Quatsch. Da müsste man schon sehr doof sein, um sich in die Nachbartour zu verirren.“ Offensichtlich waren wir sehr doof! Resultat des nicht mit skizzierten Routenverlaufs der Nachbartour war: eine „neue Seillänge“ mit einer ca. 10-Meter-Querung auf einer ungesicherten und kaum absicherbaren Platte und Onsight-Begehung der beiden Schlüsselseillängen der Elios im Grad 7+ und 7. Und hätten wir zu guter Letzt noch gewusst, dass die verbleibenden 3 Längen leichter gewesen wären als die, die auf unserer Skizze standen, wären wir vielleicht noch bis zum Gipfel geklettert und hätten eine brandneue Kombination „erschlossen“. So oder so beginnen wir laut zu lachen und freuen uns, mal wieder den „Rückzug im Ernstfall“ geprobt zu haben, auch wenn der letzte Klettertag ohne Durchstieg blieb.

Sonntag, 21. April 2013

International Press

Alpines, Eis und Pizza - Neues und Altes vom Gardasee
In der Ausgabe 04/2013 des Magazins "Klettern" erschien mein Artikel über neue lange Routen rund um Arco, dem Evergreen unter den Klettergebieten, sowie die Ideen, Motivationen und Philosophien des Erschließerteams rund um Heinz Grill. Nun gibt es die Story, tolle Bilder von Franz Heiß sowie alle wichtigen Informationen auch bei "Klettern.de" nachzulesen:


Also schnell lesen, das örtliche Bergsportfachgeschäft um einen Satz Keile, einige mittlere Friends sowie etwas Bandmaterial erleichtern und ab ins Auto Richtung Gardasee.

Dienstag, 16. April 2013

Heldenhafte Bergfahrten



 200- Drüber und drunter

Nach einem herrlichen Klettertag fuhren meine damalige Freundin und ich zu unserem für die Nacht erwählten Schlafplatz. Wir freuten uns auf ein Bier auf diesem weit über den Dächern von Arco gelegenen Parkplatz, von dem man den ganzen Abend auf die gigantischen Überhänge des Monte Brento blicken kann.
Gedanklich ging ich nochmals die Züge durch und stellte mir vor wie meisterlich ich sie performed habe. Und wie heroisch ich gekämpft habe, unter der Anfeuerung aller anderen Kletterer den schweren Kreuzzug in den Untergriff und dynamisch an den guten Griff gedeadpointet, so dass der ganze Körper spektakulär raus geschwungen ist. Und zu guter Letzt noch nervenstark die 2 Meter Run-out zum Umlenker durchgezogen. Nicht nur körperlich, auch mental war ich in Höchstform. Und das Resultat war die erste 7a. Wahnsinn, wie sich das anfühlt, wenn plötzlich die französische 7 davorsteht.

 Zwei Busse standen bereits auf dem Platz. Einer mit Münchner Kennzeichen und ein brandneuer VW Bulli aus Pirna bei Dresden. Die vier dazu gehörenden Menschen saßen bereits zusammen und tranken Bier. Nachdem wir uns installiert hatten wurden wir dazu geladen. Voller neuem Selbstbewusstsein hockten wir uns in die Runde. Es dauerte glücklicherweise nicht lange, bis das Gespräch die gewünschte Richtung nahm.


„Wo seids ihr denn g´wesen?“ fragte einer der beiden Münchner, die beide einen wohl trainierten und szenisch etablierten Eindruck machten. Bei denen sind Ausführungen über den eigenen Erfolg sicherlich mit bedacht zu verbalisieren. Die Dresdner hingegegen wirkten eher mäßig sportlich und machten insgesamt einen etwas nerdigen Eindruck. „Äm Cölödri,“ sächselte der eine, der sich als ,Vidö` vorgestellt hatte. „Die ,Renädä Rössi´“ ergänzte sein Kumpel ,Ägge`.
„Mir hams heit den ,White Crack`g´ledderd. Und woas habt´s ihr g´macht?“erging nun die Frage an uns. Zu größeren Ausführungen bereit warf ich erst einmal ein betont lässiges „Massone“ in die Runde in dem guten Glauben, dass die Erwähnung dieses Hardmover-Paradieses ihre Wirkung nicht verfehlen würde. Tat es auch nicht. Lediglich war die Wirkung eine unerwartete. „Im Gleddergörden?“ fragte Vito ungläubig. „In einem, äh, in dem Sportklettergebiet hier!“ versuchte ich nochmals meiner Heldengeschichte eine Basis zu schaffen. Doch erfolglos. „Älso ünter 200 Meter ist es döch nicht wirklich Gleddern, öder? Vielleischt Draining. Äber däfür müss isch döch nicht näch Ärco.“ Vito und Acke ließen keinen Zweifel daran, dass sie unsere Disziplin nicht wirklich ernst nehmen konnten.
Eingeschüchtert und Ehrfürchtig blieben wir den restlichen Abend ruhig und lauschten den Geschichten von den großen Wänden des Sarcatals. Wir erfuhren, dass die Münchner auch in langen Routen jenseits des 7. Franzosengrades unterwegs waren, während Vito und Acke keinen Hehl daraus machten, dass sie nie schwerer als 6b gingen, jedoch schlechteste Absicherung nicht nur tolerierten, sondern als elementaren Spaßfaktor beim Klettern betrachteten. Diesen Fakt erklärte ich mir mit der Tatsache, dass die beiden im Elbsandstein das Handwerkszeug erlernt hatten.
Später im Bus sagte ich zu meiner Freundin: „Fahren wir morgen zur Parete Zebratta?“ Es war keine Frage, sondern vielmehr eine Feststellung. Die Sonnenplatten, wie sie auch heißen,  sind uns im Topo schon aufgefallen. Sie bieten alpine Sportklettereien in allen Schwierigkeitsgraden und Längen. Das wir neben der Sportkletterausrüstung gerade mal über 5 Keile und einem rein theoretischen Wissensschatz über Standplatzbau, Nachsichern und so weiter verfügten ignorierten wir. Der Plan für den kommenden Tag war beschlossen.
Am nächsten Morgen standen wir am Parkplatz der Parete. Das wir über die „Alpinen“ bislang immer schmunzeln mussten, weil sie immer schon am Parkplatz komplett behangen waren, hielt uns nicht davon ab genau diese Idee aufzugreifen um die großen Kletterrucksäcke nicht den ganzen Tag am Wandfuß liegen lassen zu müssen. Wir hängten uns alles planlos an, was man evt. bei einer langen Wand benötigen könnte. Damit die Demarkationslinie von 200 Höhenmetern geknackt werden würde haben wir uns eine 7 Seillängen Route rausgesucht. Keine Länge war schwerer als 5c. ,Da kann man ja hoch tanzen, schließlich habe ich das Land des 7. Franzosengrades betreten.` Mit diesen Gedanken stieg ich ein.
,Wo ist denn nur der verfluchte Haken?´ Ich scannte die Wand mehrfach auf der Suche nach dem zweiten Haken. Als ich ihn schließlich erspähte, war ich zutiefst erschüttert ihn gut 4 Meter über mir auszumachen. ,Wird schon nicht so schwer sein.´ Zitternd, verkrampft und weit entfernt von der Ästhetik eines 7.- Franzosengrad- Kletterers wackelte ich mich zum zweiten Haken. Mit dem Klicken der Exe wich kurzzeitig die Spannung. Ich war schweißgebadet und mental bereits schwer angeschlagen. Und das schon nach 8 von 260 Metern. Den dritten Haken mühte ich mich gar nicht erst zu suchen, sondern beschloss ob des leichter werdenden Terrains erst einmal etwas höher zu klettern. ,Er wird mir schon begegnen.´ Doch auch dies stellte sich als Fehler heraus. Als ich ihn fand war er bereits 2 Meter rechts und zwei Meter unter mir. Von der eigentlichen Linie trennte mich nun eine grifflose und spiegelglatte Platte, die ich nun zurück queren musste. Mit Sicherheit hatten selbst die Badegäste am Gardasee etwas von meinem blumigen und vielfältigen Fluchen, was aus psychologischer Sicht jedoch den einzig richtigen Umgang mit der erlebten Angst darstellte. Die restliche Seillänge ließ sich ohne größere Zwischenfälle bewältigen. Erst am Stand angekommen wartete eine neuerliche Überraschung auf mich Alpinnovizen. War die Route doch bislang mit wenigen aber verlässlich wirkenden Haken ausgestattet, erblickte ich hier zwei geschlagene Rostgurken, die meines Erachtens in einem Alpinmuseum wesentlich besser aufgehoben wären als an einem Standplatz. Immerhin wusste ich zumindest von der Existenz eines Kräftedreiecks und verband die Haken einigermaßen sinnvoll miteinander. Die schlechte Neuigkeit für mich behaltend rief ich meiner Freundin lediglich „Kannst nachkommen“ zu. ,Bitte nicht fallen, bitte nicht fallen` betet ich mein Mantra hinunter während ich sie nachsicherte. Auch die Begeisterung meiner Freundin über den vorgefundenen Stand hielt sich sehr in Grenzen. Noch kritischer wurde sie, als sie merkte, dass ich mich mit der glatten Plattenstelle vom Stand doch sehr schwer tat. Das die Aufforderung: „Vorsicht jetzt, aufpassen, ist wackelig!“ mit „Ja, ich hab Dich, alles okay!“ beantwortet lediglich Worthülsen von psychologischem Nutzen war, wussten wir beide. Als die Platte ca. 4 Meter über dem Stand auf einem Balkon endete fand ich dort zu meiner Überraschung den echten Stand bestehen aus zwei soliden Haken. Kurz nur war die Überlegung weiter zum nächsten Stand zu klettern und wurde dann trotz des Zeitverlustes aber zu Gunsten eines neuen Sicherheitsgefühls verworfen.
Der weitere Weg war geprägt von Angst einflössenden Run-Outs an denen meine 5 Keile auch nicht viel ändern konnten, von enormen Problemen den Weg zu finden und durch Kommunikationsprobleme, die durch Wind und diverse andere Seilschaften noch verstärkt wurden. Das die Sonnenplatten ihren Namen zu recht tragen und sie sich bei sommerlichen Italientemperaturen in einen Glutofen verwandeln muss nicht extra erwähnt werden.
Bemerkenswert auf dem Weg zum Ausstieg war lediglich noch die Situation, wie sie, so dachte ich, lediglich im Klettercomic zu finden sei.
„Jetzt wird’s schwierig“ rufe ich gegen den Wind und das Geschrei aus den Nachbartouren an. „Du hast Stand?“ höre ich leise, aber doch erkennbar in der Stimmlage meiner Freundin!“ Ein panikartiges Gefühl lässt mich „Nein kein Stand, Schwieieierig!“ zurückkreischen. „Stand?“ wird die Frage nochmals wiederholt. „Nein!“ „Was?“ Ich antworte nicht und beschließe weiter zu klettern und Hoffe darauf noch gesichert zu sein.
Nie werde ich vergessen, wie wir beide von Glücksgefühlen überwältigt am Ausstieg standen. Ob es die Freude darüber war überlebt zu haben, die Erleichterung, dass es nun vorbei war oder die Genugtuung dieses Abenteuer gemeistert zu haben wussten wir beide nicht. Was wir aber wussten, war, dass bislang keine 7a oder sonst irgendeine Tour es vermocht hatte eine so nachhaltige Zufriedenheit zu bewirken.
Nach dem Abstieg sitzen wir in der ,Bar Parete Zebratta` und trinken die schalste aber leckerste Cola unseres Lebens. Der Blick ist auf die Sonnenplatten gebannt und das Lächeln will nicht aus unseren Gesichtern verschwinden. Noch am gleichen Abend werden Pläne für eine erneute alpine Unternehmung geschmiedet. 

 Dies ist nun schon ca. 10 Jahre her. Und obwohl ich nach wie vor gerne boulder, sowie auch in den Klettergarten gehe, hat das alpine Klettern doch immer mehr an Bedeutung gewonnen.
Wie damals ist es das schlechte Wetter, diesmal im wilden Kaiser, was Heni und mich nach Arco ausweichen lässt. Diesmal zum Klettern jenseits der 200 Höhenmetergrenze. Veraltetes Topomaterial veranlasst uns die Österreicher die mit ihrem Bulli auf dem selben schönen Parkplatz mit Blick auf den Monte Brento übernachten anzusprechen und nach einem aktuellern Führer zu fragen. Man kommt ins Gespräch und sitzt schon bald bei einem Bier zusammen. „Mir woan heit in Massone. Do hat´s tolle Routen von 6a bis ganz schwoa. Toller Klettertag.“ Erzählt der Österreicher.
Ich beiße mir kurz auf die Zunge. „Massone, kenn ich. Das ist wirklich ein superschönes Gebiet...“ entgegne ich und lächel.